baldeggerjournal

6 Sr. Boriska Winiger, Baldegg Enthusiasmus, unglaubliche Motivation, eine Portion Humor, vielleicht auch gespickt mit jugendlichem Übermut, neugierig und voller Erwartungen! Es war in den Fünfzigerjahren, als Schiffe in den Häfen von Genua und Venedig junge Ordensfrauen an Bord empfingen, um sie in die weite Welt nach Afrika zu bringen, immer auch begleitet von Patres Kapuziner. Ob diese Eigenschaften zutreffend waren? Ich stellte mir das jedenfalls so vor und wandte mich mit solchen Fragen an unsere ehemaligen Missionärinnen, die jetzt im Mutterhaus Baldegg oder im nahen Pflegeheim leben. Es sind fünfzehn an der Zahl, und alle haben die Achtziger-, bzw. die Neunzigergrenze bereits überschritten. Abgeklärt, verhalten waren vorerst die Antworten. Wie es aber anschliessend sprudelte, die Augen immer lebhafter wurden, und auch die im Charakter ruhigeren Schwestern beim Erzählen in Fahrt kamen, liess mich vermuten, dass meine Vorstellungen gar nicht so abwegig sein könnten. Auf die Frage «Warum bist du nach Tanzania gegangen?» lauteten die Antworten durchwegs etwa so: «Das war immer mein Wunsch.» – «Meine Tante hat mich begeistern können, wenn sie im Heimaturlaub war.» – «Ich habe schon im Schulalter mit Interesse den Missionsboten gelesen.» – «Es war für mich klar, dass ich ins Kloster eintreten muss, um dieses Ziel zu erreichen.» usw. Die Ordensleitung aber liess diese jungen Schwestern nicht unvorbereitet ziehen. Sie hatten vorerst Englisch, aber auch Kiswahili zu lernen, die Sprache der Einheimischen in Tanzania. Einige wurden nach England geschickt; andere wurden zu Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet. Für das Erlernen von Kiswahili stand ihnen allerdings nicht viel Zeit zur Verfügung. Die Schiffsreise dauerte gut drei Wochen, und das sollte ja auch eine Zeit zum Lernen sein. Aber diese jungen Menschen hatten ebenso viel Interesse an der Schifffahrt, am weiten Meer und an der Landschaft, an der Spannung, wenn Land in Sicht war. Das Sprachenlernen werde sich dann schon im Alltag ergeben, im Umgang mit den Einheimischen, sagten sie sich. Aufgrund dieser Sorglosigkeit genossen sie die freie Zeit, besonders das Erlebnis der Fahrt durch den Suez-Kanal; all das musste man doch geniessen und für einmal die Arbeit LASSEN. In Tanzania angekommen, willkommen geheissen und – zupacken – dort, wo man gebraucht wird. Bald beherrschten die Schwestern auch die Sprache; «learning by doing» oder «Lernen durch TUN». Auf meine Frage, ob sie auch Enttäuschungen erlebt hätten und daher lieber heimgekehrt wären, waren die Antworten ebenso vielfältig wie die einzelnen Schwestern unterschiedlich sind. Es gab aber immer so etwas wie einen roten Faden in diesen verschiedenen Lebensläufen: Enttäuschungen gehören zum Leben – Resignation gab es bei mir nie – man hat es genommen, wie es kam – die Freude, als Krankenschwester wirken zu dürfen und die Begeisterung waren da und Schwierigkeiten hätten mich nie zum Heimgehen bewegen können – man setzte sich ein, wo man gebraucht wurde – es war das Leben wie Voller Tatendrang! – Und dann? TUN und es kommt die Zeit – dann gilt Loslassen LASSEN. überall – usw. Diese bewundernswerte Verfügbarkeit und die Flexibilität erfuhr ich auch hier beim Aufsuchen der einzelnen Schwestern: die eine war gerade im Gästehof beim Putzen der Stühle und Tische, als ich mit ihr einen Termin vereinbaren wollte; sie liess den Putzlappen fallen und sagte: «Ich komme doch gleich!»; und schon war sie mit mir in einem Sprechzimmer verschwunden. Was teilweise schon 1921 begonnen hatte, daran bauten diese Schwestern weiter. Heute gibt es zwei einheimische Schwesterngemeinschaften, von den Baldegger Schwestern gegründet: Schwestern von der Liebe des heiligen Franziskus in Mahenge und die Schwestern Dada Wadogo in Dar es Salaam. Sie sind es, welche die Werke der Baldegger Schwestern wie Schulen, Spitäler und Kinderheime weiterführen. Mit der Unterstützung von Baldegg kann es gelingen, dass diese Werke nachhaltig bleiben. Voller Tatendrang ans Werk – nach mehr als 50 Jahren kommt das Loslassen. Wenn auch schmerzlich, aber mit grosser Selbstverständlichkeit haben diese Schwestern den Schritt getan. Als Vorbild für uns alle scheint mir die Aussage einer unterdessen gebrechlichen Schwester: «Hoffe, dass ich es gut gemacht habe.»

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