5 Das Tun und Lassen unterwegs Sr. Karin Zurbriggen, Baldegg Ich besteige jeweils morgens kurz nach sechs Uhr mein E-Bike und nehme den Weg zur Arbeit unter die Räder. Dort angekommen, parkiere ich mein E-Bike neben anderen E-Bikes, Velos, einigen Rollern und ab und zu auch neben einem richtig grossen Motorrad. Als ich einmal nach der Arbeit mein E-Bike aufsuchte, sagte ich zu meiner Arbeitskollegin, die gerade ihre schöne grosse Maschine bestieg: «Wollen wir tauschen?» Die Kollegin lachte und meinte, wenn ich als Klosterfrau mit meinem Ordenskleid es schaffen würde auf ihre Maschine zu sitzen, dürfte ich gerne damit fahren. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten allein reicht also nicht. Es braucht mehr! Unter anderem z.B. auch meine Bereitschaft, mein Ordenskleid mit einem Lederkombi zu tauschen. Es braucht aber immer zwei Räder, ob Velo, Motorrad oder E-Bike, wie beim Glauben. Das Vorderrad ist das Gebet, das Lesen und Verinnerlichen der Bibel. Das Hinterrad ist die Gemeinschaft mit anderen Menschen und mein Einsatz für sie. Glaube als Velo! Beim Velo muss man strampeln, und zwar völlig aus eigener Kraft. Allein die eigene Muskelleistung ist massgebend. Wenn ich zu langsam unterwegs bin, muss ich versuchen, die Pedale schneller zu treten. Manchmal gleicht mein Glaube dem einer Velofahrerin. Ich meine alles aus eigener Anstrengung zu schaffen. Mein Leben wird dann bestimmt von vielen Imperativen und ich versuche, in jeder Situation mein Bestes zu geben. Velo-Christin zu sein ist ermüdend. Mein Tun steht im Vordergrund, und ich vergesse, dass Gott mit mir unterwegs ist und mich so nimmt wie ich bin. Glaube als Motorrad Wohl deshalb kommt auch in mir der Wunsch auf, mich mal auf so eine schnelle Maschine setzen zu können und mich von der Kraft des Motors vorwärtstreiben zu lassen. Als Motorrad-Christin überlasse ich gerne alles Gott. Meine eigene Anstrengung gewichte ich zu gering und entschuldige mich auch mal mit der Ausrede: «Ich kann ja nichts tun. Gott muss es tun.» Fromm ausgedrückt nennt man dies: «Alles ist Gnade!» Gnade bedeutet im Mittelhochdeutschen «sich zum Ausruhen niederlassen». Dieser Versuchung widerstehe auch ich nicht immer. Und schliesslich kann ich mit dieser Haltung auch noch die Verantwortung auf Gott abschieben. Glaube als E-Bike In diesem Zusammenspiel von Gottes Kraft und eigener Anstrengung ist das E-Bike nun eine sehr schöne Illustration. Kraft ist da, die Batterie ist aufgeladen – aber treten muss ich selbst, sonst nützt mir der E-Motor nichts. Er steht mir zur Verfügung, wird aber erst aktiviert, wenn ich anfange zu treten. Wenn ich nicht trete, passiert nichts. Wenn ich mich aber in Bewegung setze, wird Gnade aktiv. Und je mehr ich trete, umso stärker wird die Wirkung des Motors. Die Gnade Gottes und mein eigenes Tun wirken geheimnisvoll zusammen. Das E-Bike kann uns helfen, diese Logik zu verstehen. Das E-Bike des Glaubens steht bereit. Aber beides – Tun und Lassen – im richtigen Zusammenspiel erst, lassen das Unterwegssein im Glauben zu einer Entdeckungsreise werden. Darum lasst uns das E-Bike des Glaubens nicht in einer Ecke verrosten. Heute geht›s los! Ich wünsche uns eine gute Fahrt durch unser Leben – Gott wartet darauf, dass wir bei ihm ankommen ...
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