baldeggerjournal

8 Jonas Glur, Meggen SeinLassen In menschlicher Freiheit haben wir die Möglichkeit und Fähigkeit etwas zu tun, aber auch etwas zu lassen. Dabei stellt das Lassen mehr als nur die Negation des Tuns dar, sondern vielmehr ein aktives NichtTun. Man entscheidet sich, etwas zu unterlassen. Somit ist es gleichsam ein bewusster Akt wie das Tun und nicht ein passives Geschehnis. Ich kann mich dafür entscheiden, bestimmte Früchte nicht zu essen, auf eine Bergwanderung zu verzichten oder den Computer für einen Tag nicht aufzustarten. Besonders wenn der Mensch altert und sich seiner letzten Lebensphase nähert, wird er immer stärker damit konfrontiert, dass man Dinge sein zu lassen hat. Vieles, was man fast ein ganzes Leben lang getan hat, muss aus den sich verändernden Umständen heraus unterlassen werden. Das ist für sehr viele nicht leicht, liegt die Herausforderung hierbei schliesslich nicht bei etwas Äusserem, das es zu lösen oder zu überwinden gilt, sondern einzig und allein im Inneren des Menschen. Vernünftigerweise verzichtet die Diabetikerin auf die geliebte Schokolade und der Gehbehinderte auf die so vertrauten ausgedehnten Spaziergänge. Etwas nicht tun, scheint nicht schwer, aber etwas lassen, stellt für viele von uns eine Schwierigkeit dar, da wir uns aktiv in eine Position des Zuschauens versetzen müssen. Im Wissen darum, dass man etwas tun könnte, nimmt man sich zurück und lässt den Geschehnissen ihren Lauf. Zwar entscheiden wir uns auch dazu in Freiheit, nichtsdestotrotz fühlt es sich so an, als würde man ein Stück Freiheit abtreten. Es ist eine der grossen Aufgaben des Alterns und somit auch des Lebens, zu lernen, dass man nicht weniger frei ist, wenn man sich dazu entscheidet, Dinge sein zu lassen. Dies ist kein Zwang, dies ist keine Kapitulation, dies ist eine Stärke der eigenen Persönlichkeit, über unmittelbaren Geschehnissen zu stehen. Ihre Maxime findet sie in den letzten Tagen unseres irdischen Seins. Wenn wir dazu ansetzen, in ein Ewiges überzugehen und die Vergänglichkeit langsam hinter uns zu lassen, so können wir dies mit keiner Tat vollbringen. Insbesondere darf ich dies auch bei meiner Tätigkeit auf der Pflegestation des Klosters Baldegg erfahren. Die Schwestern, die ich bei ihrem Ableben begleiten durfte, waren bis in die letzten Stunden sehr präsent. Sie waren, so wie ich es empfunden habe, voller Erwartung und doch erfüllt von einer Ruhe. Simone Weil schreibt dazu: «Die kostbarsten Güter soll man nicht suchen, sondern erwarten.» Jene Erwartung ist durchdrungen vom Seinlassen, in dem wir nichts unternehmen und doch so viel erfahren. Keine Tat der Suche kann uns dabei helfen zu scheiden, aber die Kraft des Seinlassens vermag auch unsere letzte irdische Erwartung zu erfüllen. In den letzten Augenblicken des Lebens liegt unsere ganze Freiheit und Stärke darin, alles sein zu lassen. Jonas Glur leistet seit August 2020 Zivildienst auf der Pflegestation des Klosters Baldegg

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