baldeggerjournal

9 Mein Leben ausrichten Sr. Katja Müller, Baldegg Jeden Tag und das ganze Leben werden wir vor Entscheidungen gestellt, kleine und grosse, schwierige und einfache, kurzfristige und langfristige. Wie oft stellt sich die Frage: «Was muss ich tun?» Wenn es um Grösseres und Tieferes im Leben geht, dann klingen in dieser Frage des Tuns weitere an: «Welchen Weg soll ich gehen, damit mein Leben gelingt? Worauf kommt es im Tiefsten an? Woran orientiere ich mich?» Dieser Auseinandersetzung begegnen wir auch in der Bibel. Dazu später. In welchen Lebenssituationen haben Sie sich diesen Fragen gestellt? Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Was hat sich im Innern geregt? Immer geht es zuerst darum, wahrzunehmen und zu spüren. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Oft ist es hilfreich, mit jemandem über das zu sprechen, was bewegt. Es gibt dazu verschiedene Anlaufstellen: eine gute Freundin, der Partner, Fachpersonen oder auch Jesus. Die Bibel erzählt von Menschen, die mit dieser Frage «Was muss ich tun» zu Jesus gehen. Was erwarten sie von ihm? Ein offenes Ohr, Verständnis, einfühlsames Mitgehen? Eine Antwort, die ihnen die eigene Entscheidung und Verantwortung abnimmt? Ein Rezept? Der Evangelist Lukas erzählt von einem Gesetzeslehrer, der Jesus aufsucht (Lk,10,25 ff); beim Evangelisten Markus ist es ein reicher Mann (Mk, 10,17 ff). Sie führen ein unterschiedliches Leben, ihre Frage an Jesus ist jedoch dieselbe: «Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?» Auch wir kennen Momente, wo wir etwas erhoffen, das über unser alltägliches kleines Glück hinausgeht. Ist es die Ahnung oder die Sehnsucht, dass da noch etwas anderes, Grösseres auf uns wartet? In der Sprache der Bibel ist es die Verheissung nach einem Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10). Zurück zum Gesetzeslehrer, der Jesus mit seiner Frage auf die Probe stellen will. Jesus verweist ihn auf das Gesetz, das dieser selbst bestens kennt. Jesus nimmt seine Frage trotzdem ernst und fragt ihn: «Was steht im Gesetz? Was liest du dort?» Er antwortet: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.» Jesus sagt zu ihm: «Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.» Der Gesetzeslehrer kennt die Weisungen, handelt aber nicht danach und wird deshalb in der Fortsetzung der Geschichte von Jesus aufgefordert, sich einzulassen und sich um den Nächsten zu kümmern, der Hilfe braucht. Die Begegnung zwischen Jesus und dem reichen Mann verläuft anders: Dieser hat es weit gebracht und sich viele seiner Wünsche erfüllt. Er möchte nun noch das ewige Leben gewinnen, denn er spürt eine Sehnsucht nach mehr – nach Gott. Er fragt deshalb Jesus nach dem Weg zum ewigen Leben. Jesus nennt ihm den ersten Schritt, nämlich das Einhalten der Gebote. Der reiche Mann antwortet: «Meister, all diese Gebote habe ich von Jugend auf befolgt.» Der reiche Mann ist schon auf einem guten Weg, denn für Jesus ist das Leben nach den Weisungen Gottes der erste und grundlegende Schritt zu einem gelingenden Leben – auch im Miteinander. Jesus schaut ihn deshalb liebevoll an, lädt ihn zu einem weiteren mutigen Schritt ein und sagt: «Geh, verkauf deinen Besitz …». Der Mann geht traurig von Jesus weg. Er ist noch nicht bereit, seinen Reichtum loszulassen und seinen Besitz und sein Geld in die Währung des ewigen Lebens zu wechseln. Auf dieselbe Frage zweier Menschen gibt Jesus unterschiedliche Antworten. Aus meiner Sicht mutet Jesus dem Menschen zu, die Gebote Gottes in der persönlichen Situation zu deuten und zu leben und somit Verantwortung für sich selbst und das eigene Handeln zu übernehmen. Frère Roger Schütz, der Gründer der ökumenischen Brüdergemeinschaft von Taizé, sagt es so: «Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.»

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