baldeggerjournal

Glauben & Beten 17 Wann bist du ins Kloster eingetreten – und warum? 1969. Im Alter von 17–19 war ich auf Sinn-Suche. Was soll dieses Leben? Nach Widerständen allem Religiösen gegenüber begann ich in der Bibel zu lesen, Römerbrief und das Johannes Evangelium. Da fand ich Aussagen, die mich «packten», für die es sich zu leben lohnte. Lebensfülle und Freude kamen mir entgegen. Die Stille hatte es mir angetan. Ihr wollte ich Raum geben, um mehr zu erfahren. Dies erhoffte ich mir vom Leben im Kloster. Wo bist du daheim? Ich wohne in Hertenstein und daheim bin ich immer wieder in mir selber. Ein Erlebnis aus der Kinder- und Jugendzeit, das dich prägte? Als ich fünf Jahre alt war, musste meine Mutter zur Geburt ins Spital. Mein Onkel sagte, als Älteste müsse ich tapfer sein und so würgte ich meine Tränen in mich hinein. Ich durfte mit Papa nach Sursee, um meine neue Schwester hinter einer Glaswand zu sehen. Am Morgen nach der Taufe sagte mein Vater, s’Marlisli sei letzte Nacht ganz plötzlich gestorben. Das war sehr traurig. Ich weiss noch, wie wir mit dem weissen Sarg zum Friedhof gingen. Anstelle einer Schwester hatten wir einen kleinen Engel. Der Tod gehörte früh zum Leben. Wer ist dir Vorbild? Menschen, die ihr Leben anpacken. Ganz konkret auch Papst Franziskus. Er lässt seinen Worten konkrete Taten folgen. Wer lehrte dich glauben? Meine Eltern und Grosseltern. Welche Farbe hat dein Glaube? Blau wie der Himmel, von der Sonne überstrahlt oder auch von Wolken verhängt. Was bedeutet dir glauben? Eingebunden sein in ein grosses Ganzes. Guten Boden unter den Füssen haben. In schwierigen Zeiten wissen, dass mich ein Sprungtuch auffängt. Wer ist Gott für dich? Ein mir liebes Geheimnis. Eine konkrete Erfahrung der Vorsehung Gottes? Bevor ich in den Tschad ging, dachte ich viel über Abraham nach. Er verliess Bekanntes, wagte das Leben. Für mich war vieles vorgezeichnet, abgesichert durch Kloster und Beruf. Ich hatte alles. Das wollte ich nicht. Ich wagte den Sprung ins Ungewisse. Ich lebte tief im Busch am Rande der Sahelzone. Da zählte nicht Leistung, wohl aber Menschsein. Und da kam dieser Ruf: Bischof Otto suche einen neuen Kanzler. Ich hatte davon gelesen und mir gedacht, das interessiert mich, doch ich bin eine Frau! Ich hatte mich nicht dafür beworben, nur um den Entscheid gerungen. Innerlich wurde ich ruhig bei der Zusage. Gibt es auch Zweifel? Je älter ich werde, desto mehr. Was bleibt, wenn ich mich religiös getäuscht habe? Eine qualvolle Frage. Ich suchte nach einer Antwort unabhängig vom Glauben. Was möchte ich dann? Das Leben so gestalten, dass ich vor mir «bestehen» kann. Ich merkte, dass sich eigentlich nichts ändert. Wie betest du? Im Stundengebet bringen die Psalmen das ganze Leben zur Sprache. Ich bete auch gerne den Rosenkranz mit seinen Wiederholungen. Oft bin ich einfach da und lasse mich. Wie zeigt sich der Einfluss von Franziskus in deinem Leben? Der Poverello liebte Menschen und Schöpfung. Er rang immer wieder mit der Finsternis in seinem Herzen, lebte einfach und teilte, was er hatte. Welches Wort aus der Bibel begleitet dich durch das Leben? Joh 14,23: «Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.» Zwei Dinge, die du den Menschen sagen möchtest? Jeder Morgen ist ein unbeschriebenes Blatt. Ich staune oft, was sich bis am Abend alles aufzeichnet an Begegnungen, Gedanken, Gefühlen und Worten. Alltägliches und Ereignisse, die überraschen und nicht machbar sind. Gut hinschauen und abschliessen. Das andere: Wir sehen vieles, was sich ändern sollte und bewirken wenig. Doch wir sind verantwortlich für die kleinen möglichen Schritte. Sr. Annelis Kurmann, 1947, im Luzerner Hinterland mit zwei Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen, Primarlehrerin, Klostereintritt 1969, Studium in Naturwissenschaften, ab 1978 Lehrerin am Seminar in Baldegg, 1986/87 Einsatz in Tschad. 1988–2002 Bischöfliche Kanzlerin in Solothurn, ab 2003 Pfarreiarbeit in Weinfelden. Seit 2010 Co-Leitung Administration im Bildungshaus Hertenstein.

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=