baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema 16 • Es gibt keine guten Lösungen, ohne das, worum es geht, offen auf den Tisch zu legen. Das setzt bei allen Beteiligten solides Erkunden und eigene Standpunkte voraus. Doch das allein genügt nicht. Es gibt keine guten Lösungen, ohne die unterschiedlichen Argumente aller einzubeziehen, mögen diese noch so quer, gar abstrus daherkommen. Das bedingt Zuhören als Tun, denn im Zuhören erfahre ich, was ich unterlassen soll. • Ich bin also immer doppelt gefordert: Ich will meinem ‘Wertehimmel’ treu bleiben, und ich möchte der Sicht meiner Mitstreitenden den gebührenden Raum überlassen. Das fordert Mut, Wahrhaftigkeit und Geduld – also engagierte Gelassenheit. Blosse Coolness, wie es heute heisst, kalte Gelassenheit, hilft da nicht weiter. • Und auch in politischen Diskursen geht es neben der Sache immer auch um Beziehungen. In diesem Doppel steckt nicht selten der ‹Teufel›. Er zeigt sich im Angreifen und Abwerten. Die eigene Ansicht wird überhöht, die der andern kurz und klein getreten. Das führt in den bekannten Teufelskreis des Vergiftens. • Darüber hinaus geht es auch in der Politik darum, Individualität und Gemeinwohl zu vereinbaren. Diese Herkulesaufgabe zeigt sich heute überdeutlich. Du siehst, mit eurer Aktion: ‹Frauen fordern faire Diskussion›, rührt ihr an Grundfragen der praktischen Ethik: Was sollen wir tun? Was lassen? Ihnen zugrunde liegt die andere Frage: Was können wir wissen? Die Pandemie hat uns aufgezeigt: Unser Wissen gleicht einem Tropfen, unser Nichtwissen dem Ozean, und dieser Tropfen hat ein immer schnelleres Verfalldatum. Was bleibt, ist unsere Verantwortung. Du hast mich im Nachdenken beinahe aufs politische Parkett verführt! In meinem Alltag fordert mich unsere Thematik immer deutlicher im Umgang mit meiner verbleibenden Zeit und meiner Lebensenergie. Das andere grosse Thema, der Konsum, tut mir weniger an, denn ich bin relativ tugendhaft, mangels Gelegenheit! PW Es freut mich, wenn ich dich ein wenig auf ein Parkett locken konnte, das für dich eher ungewohnt erscheint. Ich habe dich immer als einen sehr «politischen» Menschen erlebt, der interessiert, überlegt, überzeugt und lösungsorientiert ist. Ich möchte auf dein Bild mit dem Tropfen des Wissens und dem Ozean des Nichtwissens zurückkommen. Es gefällt mir sehr gut. Es ist ein Bild, das ich mir zu Herzen nehme. Eigene, übertriebene Ansprüche führen mich ab und zu an meine Grenzen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich an mich selber den Anspruch stelle, alles wissen und sämtliche Zusammenhänge kennen zu wollen. Die Unmöglichkeit dieses Anspruchs dränge ich in den Hintergrund und gleichzeitig überfordere ich mich mit dieser Haltung. Was daraus resultiert, kennen wir wohl alle: Belastung, Unzufriedenheit und Müdigkeit. Da hilft nur das Loslassen von unerfüllbaren Erwartungen an mich selber. Alleine gelingt mir dies nicht immer. In diesen Situationen bin ich dankbar für Menschen aus meiner Familie und meinem Umfeld, die mir auf liebevolle Art und Weise zu verstehen geben, dass niemand Vollkommenheit erwartet. Sicherheit und Geborgenheit verspürt man am intensivsten dort, wo an die Stelle von Perfektion Tugenden wie Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Gelassenheit treten. Die Familie ist im Idealfall der Ort, wo wir unbeschwert lernen, zwischen Tun und Lassen klug zu balancieren. Von diesem sicheren Hafen aus packt mich auch immer wieder die Lust, in den Ozean des (Un)Wissens einzutauchen. Und wenn ich mich wieder an den sicheren Strand zurückbegebe, haften nur wenige Tropfen an mir, die mich gleichwohl mit Freude und Zufriedenheit erfüllen. HW Du bringst es auf den Punkt: Das Dilemma ‹Tun oder Lassen› gehört zu unserm Alltag, zu unserem Miteinander, zu unserm Menschwerden. Es geht dabei auch um die Frage: Wieviel Nichtwissen müssen wir akzeptieren? Die Entscheidung liegt bei mir. Sie richtet sich nach meinem inneren Kompass. An mir ist es, diesen nicht von Fremdansprüchen verformen zu lassen. Das bedingt Treue zu mir selber, Bejahung eigener Grenzen und respektvolle Offenheit gegenüber andern. Aus eigener Kraft vermögen wir das nicht. Wir sind auf die Hilfe von jenseits unserer Möglichkeiten angewiesen. Uns bleibt das unablässige Üben, geistesgegenwärtig zu leben. Das Brausen von Pfingsten will uns ermutigen, darauf zu hoffen und zu bitten: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» (Reinhold Niebuhr) Vor Monaten habe ich den linken Arm gebrochen. Meine Pläne liefen ins Leere. Plötzlich benötigte ich Hilfe von Mitschwestern: Notfall, Spital, dann Quarantäne. Immer wieder musste ich warten, immer wieder abtasten, was im Moment richtig sein könnte. Ein neuer Tagesplan wurde notwendig: schreiben, beten, lesen, telefonieren, denken. Vieles musste ich loslassen, den Mitschwestern überlassen. Nur langsam konnte ich den linken Arm für das Nötige des Alltags wieder einsetzen. Ich lernte dankbar sein für jeden kleinen Fortschritt, mich auf den Moment konzentrieren und zugleich auf bessere Zeiten hoffen. Das Lesen der Bibel und der Psalmen erhielt eine neue Dimension. Längst mir vertraute Sätze las ich neu: «Dein Wort ist meinem Fuss eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.» (Ps.119.105) «Gehe ich auch mitten durch grosse Not, du erhältst mich am Leben.» (Ps.138.7) Nie erscheint das Leben kostbarer als dann, wenn es verletzt ist, nie die Arbeit befriedigender, als nach einer Zeit des erzwungenen Nichts-Tuns. Sr. Thea Rogger ZweiMinutenPredigt

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