15 wandelt sich Sollen und Müssen leise in ‹NochKönnen› oder ‹Noch-Dürfen›. Die Kräfte lassen nach, das Tun fällt schwerer. So wird Lassen von selbst leichter. Das Tun ist nicht mehr selbstverständlich, dafür umso erfüllender; vorausgesetzt, ich lasse diesen Wandel zu. Das braucht Mut und Vertrauen, eben Lebensvertrauen. Die Frage: Worauf kann ich mich verlassen, stellt sich mir im Persönlichen wie in der Arbeit mit Menschen immer neu. Es ist das bisher gelebte Leben, aus dem ich heute schöpfe: Alles, was ich erfahren und erlebt habe, was gelingen durfte, auch das Enttäuschende, Widerwärtige, Schmerzliche, das mich resilienter werden liess, aber vor allem das unverhofft Gute, das mir so oft zugefallen ist, buchstäblich ‹gratis› – von jenseits meiner Möglichkeiten, eben als Gnade. Dieses mein Lebensvertrauen verdanke ich Menschen, die es lebten, mich gefördert und gefordert haben. Menschen, die mit mir drangeblieben sind, auch wenn es schwierig wurde, die beziehungstreu und wertschätzend blieben, auch wenn unsere Standpunkte und Wertungen in der Sache differierten. An ihnen wurde für mich engagierte Gelassenheit erfahrbar, diese andere Haltung zur Welt, die unserer gereizten Gesellschaft so nottut, auch in der Politik. Wohl deshalb ist ‹Gelassenheit› heute in aller Munde. Aber bloss negativ verstanden, als Abwesenheit von Unruhe, Erregung, Überforderung und Hektik, vermag sie wenig. Nur wer weiss, wie sie erworben wird, wieviel zulassen – ablassen – überlassen – stehenlassen – nachlassen – loslassen – darin gebunden ist, ahnt was Gelassenheit meint. Was soll ich tun, enthält eben schon immer die andere, schwierigere Frage: Was soll ich lassen? Im alltäglichen Miteinander-Reden in Familie, Kirche, Gesellschaft und Politik zeigt es sich deutlich. Mir ist, wir müssten in unserer schwierigen Zeit den wahren Dialog neu lernen. Statt nur diskutieren (zerschneiden) und debattieren (zerschlagen), braucht es Schritte aufeinander zu. Doch wie soll das geschehen, wo doch die Zeit zum Zuhören fehlt und die Offenheit für das Andere verunsichert? PW Wie sehr du mir aus dem Herzen sprichst! Leider erfahre ich zurzeit sehr deutlich, wie der respektvolle und faktenbasierte Austausch untereinander erschwert ist. Es ist die Angespanntheit, die Unsicherheit und die von dir angesprochene fehlende Gelassenheit, welche diese Situation verursachen. Die Fronten in der Politik erlebe ich als verhärtet, die Gesprächsbereitschaft sinkt gegen Null, die Selbstreflexion ist praktisch inexistent. Diese schmerzhafte Erfahrung hat gerade kürzlich uns – eine Gruppe Frauen mit entgegengesetzten Ansichten zu den anstehenden Abstimmungen dazu bewogen, eine gemeinsame Erklärung abzugeben: Wir wollen trotz unterschiedlicher Meinung den Respekt und die Achtung voreinander nicht vernachlässigen und uns immer wieder um einen konstruktiven Dialog bemühen. Ich bin einerseits glücklich, dass es uns Frauen gelungen ist, uns mit einem solchen gemeinsamen Appell bemerkbar zu machen. Auf der anderen Seite stimmt es mich sehr nachdenklich, dass eine solche Aktion überhaupt nötig wurde. In meinem Verständnis müsste dies eine Selbstverständlichkeit sein. Schliesslich bin ich überzeugt, dass der respektvolle Umgang miteinander Grundvoraussetzung unseres Zusammenlebens ist, sei dies im Privatleben, in der Arbeitswelt oder auch in der Politik. Der Dialog auf Augenhöhe ist nur da möglich, wo wir eine gute Balance zwischen Tun und Lassen finden, wo ich mich einbringen, gleichzeitig jedoch auch zurücknehmen und meinem Gegenüber Raum eingestehen kann. Dialog entsteht erst, wenn von beiden Seiten Gedanken und Erkenntnisse zugetragen und aufgenommen werden. HW Ja, da stimme ich dir voll und ganz zu. Wir Menschen sind nun einmal auf Beziehung hin geschaffen, von Geburt bis über den Tod hinaus. Wir brauchen einander. Nietzsche schreibt in seiner ‹Fröhlichen Wissenschaft›: «Einer hat immer unrecht, aber mit zweien beginnt die Wahrheit». Heute gilt dieser simple Satz als dialogisches Credo. Ihr Politikerinnen unterschiedlicher Couleur trefft mit eurer Forderung nach fairer Diskussion und konstruktivem Dialog ins Schwarze. Die Umsetzung davon aber ist alles andere als simpel. Ich kann dies hier nur andeuten.
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