Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Priska Wismer-Felder, Primarlehrerin mit Nachdiplom «Begabungsförderung», Mutter von fünf Töchtern, Bäuerin, Präsidentin der IG Volkskultur Schweiz/Lichtenstein, Politikerin, Nationalrätin. 14 HW Das Thema dieses Journals kommt entwaffnend einfach daher. Und doch – je länger ich darüber nachsinne, desto sperriger und abgründiger zeigt es sich mir. Es rührt an die grundlegenden Fragen unseres Menschseins, unseres Menschwerdens. Der Philosoph Emanuel Kant hat sie vor 250 Jahren in die Welt gesetzt, nämlich: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Diese Fragen sind nicht nur für Philosophinnen und Philosophen gedacht; sie wollen uns alle zum guten Leben führen. Dazu sitzen sie uns lebenslänglich im Nacken und fordern Antworten. Gerade in unserer weltweit verseuchten Zeit fordern sie neu heraus. Diese Pandemie offenbart die Verletzlichkeit des Wesens Mensch. Sie legt die Begrenztheit unseres Wissens schonungslos offen, verweist auf die Notwendigkeit von Glauben und Hoffen und fordert doch unablässig zum Tun und Lassen. In unserer wissensgeleiteten Zeit bleibt letztlich immer wieder die Frage: Wie gelangen wir vom Wissen zum Sollen und von dort zur konkreten Tat? Die gegenwärtige Impfkampagne ist ein sprechendes Beispiel. Befürworter und Gegner haben ihre triftigen Argumente. Befürchtete und erhoffte Wirkungen halten sich mehr oder weniger die Waage. Die wissenschaftlichen Ergebnisse jagen sich und heissen uns immer neu justieren. Letztlich ist es doch unser innerer Kompass, der persönliche ‹Wertehimme›, der uns zum Tun oder Lassen führt. So habe ich mich – trotz allen Nichtwissens – für die Impfung entschieden. Schlicht aus Solidarität! Denn ich lebe mit vielen Menschen zusammen, trage also Mitverantwortung. Lassen wir das dominierende Thema unserer Tage. Ich vermute, auch in deinem Alltag als Ehefrau, Mutter von fünf Töchtern, und Grossmutter einer Enkelin, als Bäuerin und Politikerin gehe es immer wieder um Kants Schlüsselfragen. PW Oh ja, diese Fragen begegnen mir täglich. Betreffend der aktuellen Pandemie nimmt die Informationsflut, die auf uns alle einprasselt, ungeahnte Ausmasse an. Es ist wirklich eine Herausforderung, die vielen Informationen zu filtern, einzuordnen und zu gewichten. Täglich erreichen uns neue Erkenntnisse und lassen das, was gestern noch unbestritten war, in einem neuen Licht erscheinen. Menschen, die politische Verantwortung tragen, wurden in ihren Entscheidungen im letzten Jahr aufs Äusserste gefordert und werden es auch in den nächsten Monaten noch sein. Mehr als in anderen Zeiten müssen in dieser aussergewöhnlichen Situation Entscheidungen getroffen werden, von denen die Folgen sehr schlecht absehbar sind, gleichsam auf Hoffnung hin. Aber ist ‹Hoffen› in der Politik ein probates Mittel oder ist nicht doch ‹Wissen› ungleich wichtiger? Für mich ist diese Frage schnell beantwortet: Ich darf und will hoffen. Zwar versuche ich, mir möglichst viel Wissen anzueignen. Das Wissen ist begrenzt: die Hoffnung dagegen unerschöpflich. Hoffen ist keineswegs ein Ausdruck von Naivität oder Bequemlichkeit, Hoffnung ist Vertrauen und Zuversicht. Grundeinstellungen, die ich von Beginn meines Lebens erfahren und leben durfte, und die mich als Mutter immer geprägt und in vielen Situationen auch entlastet haben. Niemals musste ich mich alleine verantwortlich fühlen für unsere Kinder. Immer waren da andere Menschen, die schwierige Situationen und Entscheidungen mit mir getragen haben. In solchen Erfahrungen wurzelt meine Hoffnung. Das Vertrauen in das Getragen- und Gestütztsein hat mir eine Freiheit in meinem Handeln gegeben. Das Tun konnte so zur Freude, das Lassen zur Erleichterung werden. Wie erlebst du das in deinem Alltag? Vertrauen wird auch dich in deinem Tun und Lassen begleiten, nehme ich an. HW Ja, eingebettet sein, leben in Gemeinschaft ist auch für mich der Boden des Vertrauens, von dem du sprichst – allerdings nicht zum Nulltarif zu haben, das weisst auch du! Meine andere gute Erfahrung: Im Älterwerden Was tun, was lassen in schwieriger Zeit?
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