baldeggerjournal

4 Habe ich etwa Alzheimer? Seit Jahrzehnten bist du im Gesundheitswesen tätig. «Erinnern und Vergessen» sind im Pflegebereich wichtig. Warum? Sr. Anna: Als ich noch in Sursee unterrichtete, fragte ich mich oft: Wie kann ich diesen jungen Menschen helfen, sich an möglichst viel Gelerntes zu erinnern und so wenig wie möglich wieder zu vergessen. Hier im Pflegeheim begegne ich eher der verängstigten Frage einer Schwester: Habe ich etwa Alzheimer? Vergesslichkeit verbindet man ja oft mit Demenz. Mir fällt auf, dass betagte Menschen sehr stark auf Emotionen und Gefühle reagieren. Das ist auch im Kloster so. Ältere Menschen neigen stärker dazu, in Erinnerungen zu leben und diese auch immer wieder mitzuteilen, oft mehrmals in kurzen Abständen. Dies kann dann bei Angehörigen oder begleitenden Personen zu Stress und Gespanntheit führen, weil einerseits kein richtiges Gespräch aufkommen kann oder weil anderseits ein Überdruss entsteht im Sinn von «nein, nicht schon wieder …» Was geschieht denn beim Erinnern, beim Vergessen in unserem Kopf? Sr. Anna: Es ist wunderbar, dass wir uns erinnern können. Nervenzellen und deren Verknüpfungen sorgen im Gehirn für das Speichern. Erinnerungen sind gespeicherte Eindrücke und Erlebnisse, die später wieder «abgerufen» werden durch ähnliche Erlebnisse, durch Fotos oder Texte, durch Vorstellungen, Sinneswahrnehmungen oder Träume. Bei der Erinnerung kommen oft die gleichen Gefühle wieder hoch: Freude, Angst, Sorge, usw. Das Vergessen ist etwas, das wir nicht so gern an uns wahrnehmen. Vergessen hat seine positiven Seiten: es ist auch ein Schutzvorgang des Gehirns. Wir müssen viele Informationen und Geschehnisse, die während eines Tages auf uns eindringen, wieder vergessen, sonst wären wir hoffnungslos überflutet mit Ereignissen und Informationen. Was bedeutet die konkrete Vergesslichkeit unserer betagten Schwestern für deine Arbeit? Sr. Isabel: Wiederholen, geduldig sein, nichts erwarten, nachfragen, Phantasie entwickeln. Es heisst gemeinsam nach einer Lösung suchen, und sich und einander immer wieder bewusstmachen, was es für die betroffene Schwester heisst, Ein Gespräch mit den Verantwortlichen der Pflegeabteilung in Baldegg, Sr. Anna Eschmann (Leitung Pflege), Sr. Isabel Spichtig (Teamleitung), Sr. Annja Henseler (Leitung Ausbildung) vergesslich zu sein. Es kann für sie demütigend sein. Manchmal gibt es auch amüsante Episoden, wenn die Schwestern vergessen, dass sie vergessen. In der Pflege benutzt man oft den Begriff «Ressource». Inwiefern ist die «Erinnerung» eine solche Ressource und wie setzt ihr sie bei der Pflege ein? Sr. Isabel: Die Biografie ist zum Beispiel eine Ressource, welche mit der Erinnerung im Zusammenhang steht. Sehr häufig können die Schwestern dort abgeholt werden. Es gibt da ganz schöne Momente, wenn eine Schwester im Gesicht strahlt, weil sie von früher erzählen kann. Ressourcen können jedoch bei allen Aktivitäten des täglichen Lebens gewonnen werden. Es kann eine Ressource sein, den Schwestern den Auftrag zu geben, für uns Pflegende zu beten. Daran erinnern sie sich immer wieder. Als Ausbildungsverantwortliche unserer Pflegeabteilung unterstützt du die Lernenden im Verstehen der Vergesslichkeit. Was ist dir dabei wichtig? Sr. Annja: Oft bringen Lernende schon Erfahrungen mit ihren Grosseltern oder Urgrosseltern mit, die vergesslich wurden. Beim Lernen ist es ja hilfreich, nackte theoretische Inhalte zu verknüpfen mit dem, was sie erlebt haben. Lernende haben meist viele Aha-Erlebnisse, wenn sie «komische» Aussagen im Licht der Lebensgeschichte der Betroffenen sehen lernen, oder wenn sie erfahren, wie Menschen aufblühen, wenn sie bei ihnen Erinnerungen wecken, die positive und stärkende Gefühle auslösen. Dies wiederum fördert die Kreativität der Lernenden im Umgang mit Vergesslichkeit. Wie gehen Lernende mit dem Thema «Vergesslichkeit» um? Lernende möchten Gutes tun. Meist gehen junge Menschen unvoreingenommener auf ältere Menschen zu, auch auf anders Orientierte. Das Miteinander gelingt jungen Menschen oft gut und intuitiv. Manche Lernende sind rasch entmutigt, wenn es zu Schwierigkeiten, wie Aggression, Ablehnung, Beschimpfungen, grosser Traurigkeit kommt. Dann brauchen sie Ermutigung, um ihre bereits vorhandenen Stärken zu nutzen und weiter zu entwickeln, um selber zu reifen starken Persönlichkeiten heranwachsen zu können. mrz Sr. Isabel Spichtig, Sr. Annja Henseler, Sr. Anna Eschmann

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