13 Psalmen Wenn ich dich je vergesse . . . Sr. Renata Geiger, Baldegg Das Vergessenwollen verlängert das Exil – das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung (Baal Schem Tow). Dieser Ausspruch eines jüdischen Weisen weist darauf hin, dass Erinnern und Vergessen in der Geschichte des Judentums eine bedeutende Rolle spielen. Der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel wagt sogar zu sagen: «Ein Jude zu sein heisst sich zu erinnern.» Die Bibel ist das große Erinnerungsbuch. In unterschiedlichen Zusammenhängen erscheint das Wort «zachar» (erinnern) 169 Mal in der jüdischen Bibel. Vor allem im ersten Testament ergeht immer wieder der Auftrag, ja sogar der Befehl, sich zu erinnern und ja nicht zu vergessen. Das betrifft besonders auch die Erinnerung an Jerusalem und den zerstörten Tempel zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Warum ist das so? Würden die Juden im Exil sich nicht erinnern, woher sie kommen und wer ihr Gott ist, würden sie sich selbst aufgeben und ihre Identität verlieren. Die Fähigkeit sich zu erinnern, ist in dieser Situation ihre grösste Stärke. Die Beziehung zu JHWH ist wohl der entscheidende identitätsstiftende Faktor. Und wenn der Mensch sich an die Heilstaten Gottes erinnern soll, dann geht es zuerst darum, Gott die ihm zustehende Ehre zu geben. Erinnern ist aber auch um der eigenen Identität wichtig. Wo kommen wir her? Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Die Beantwortung dieser Fragen wird zentral, wenn identitätsstiftende Faktoren wegbrechen, wie Jerusalem oder der Tempel. Dramatisch hat dies das Volk Israel erlebt, als es nach Babylon verschleppt wurde. Besonders in dem Moment, als es weder im eigenen Land lebte, noch sich im Tempel versammeln konnte, wurde die Erinnerung an Zion (Jerusalem) mächtig. Das zeigt sich ganz deutlich im Psalm 137. «An den Strömen von Babel, da saßen wir und wir weinten, wenn wir Zions gedachten. An die Weiden in seiner Mitte hängten wir unsere Leiern.» Psalm 137 ist ein Klagelied. Die Menschen trauern, weil sie sich daran erinnern, was sie verloren haben, obwohl es ihnen in der Fremde verhältnismässig gut geht. Ums Singen ist ihnen schon lange nicht mehr, und zur Klage passen keine Instrumente. «Wie hätten wir singen können die Lieder des HERRN, fern auf fremder Erde?» Trotz all ihrer Trauer bei der Erinnerung an ihre Heimat kämpfen sie aber auch gegen das Vergessen: «Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll meine rechte Hand mich vergessen. Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht mehr gedenke, wenn ich Jerusalem nicht mehr erhebe zum Gipfel meiner Freude.» In der Fremde versucht das Volk Israel sich daran zu erinnern, was seine Identität ausmacht: die Erinnerung an Jerusalem, der Glaube an ihren Gott, die Sehnsucht nach Zion. Diese Identitätsfindung durch die Erinnerung hält die Hoffnung wach, dass das Exil zu Ende gehen und Gott sie wieder nach Jerusalem zurückführen werde. Die Überzeugung, dass der Erinnerung an die Vergangenheit eine gestaltende Kraft für die Gegenwart und die Zukunft zukommt, lässt sie nicht verzweifeln. Ohne diese Hoffnung hätte sich das Volk wohl aufgegeben. In und durch die Erinnerung wuchs die Kraft, an die Zukunft zu glauben, denn «Vergessenwollen verlängert das Exil – das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung.»
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