Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Mirjam Breu (MB), Journalistin bei Radio SRF, Regionalredaktion Zentralschweiz, Luzern 14 Sie kennen das: Nach einem bekömmlichen Essen mit ‘alten Freunden’ – in entspannter Atmosphäre – bleibt man sitzen. Erinnerungen an längst vergessene Erlebnisse, Erfahrungen und Episoden tauchen auf, wollen erzählt werden. So persönlich einmalig solches Erzählen ist, es verbindet, schafft Gemeinschaft, belebt und inspiriert. Worin liegt das Geheimnis? Ob im Erzählen oder im Zuhören, wir schöpfen dabei aus dem Fundus des eigenen Lebens. Dieses Anteilnehmen und Anteilgeben ist ein tiefmenschliches Bedürfnis, auch in einer Zeit, die von Informationen trieft. Glücklich, wer solch spontanes Erinnern und Erzählen zu schätzen und zu pflegen weiss! Weshalb wir uns an gewisse Ereignisse erinnern und an andere nicht, sagt viel darüber aus, wer wir sind – als Person wie als Gesellschaft. Erinnern als menschliche Gabe ist aber nicht nur Kür, sondern auch Pflicht. Dabei dürfen wir Unrecht und Verbrechen, das Böse schlechthin, nicht ausblenden. Zukunft gibt es nur, wo wir dem Vergangenen offen und ehrlich in die Augen schauen, auch wenn es weh tut. Solches Erinnern will verstehen, will lernen – für hier und heute und auf Zukunft hin. Anders kommen wir nicht vorwärts; nicht als Individuum, nicht als Gemeinschaft. So plausibel das ist, so schwierig stellt es sich an. Das zeigt der kürzlich stattgefundene Holocaust-Gedenktag zur Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee vor 75 Jahren. Zweifellos ein wichtiger Anlass zum Erinnern – aber blosse Erinnerung greift dabei zu kurz. Es lässt sich nicht leugnen: Das Gewaltpotential unserer Tage ist hoch, auch getarnt als subtiler Machtmissbrauch. Wir dürfen nicht wegschauen. Wir brauchen eine Erinnerungskultur, aber auch eine Kunst des Vergessens. Beides will ein Leben lang geübt werden, gestützt auf Mut und Ehrlichkeit. MB Ich habe das Thema «Erinnern und Vergessen» lange mit mir herumgetragen, hatte den Text im Kopf schon beinahe geschrieben. Dann geschah es: Ein mysteriöses Virus schafft eine Situation, die für uns alle komplett neu und noch nie erlebt ist. Eine Situation, die uns auf uns zurückwirft, die uns dazu zwingt, uns auch dem Erinnern zu stellen. Dringlich. Eindringlich. Die Stunden daheim, die plötzliche Ruhe – all dies schafft Platz im Geist. Und wenn man sich während der wachen Stunden nicht permanent mit der verunsichernden Gegenwart beschäftigen will oder mit der äusserst unberechenbaren Zukunft – die zwar schon immer unberechenbar war, aber das blenden wir Menschen oft gerne aus – dann schweifen die Gedanken zurück, in den sicheren Hafen der Erinnerungen. Zu den Kindheitserinnerungen vielleicht. Es sind aber auch ganz persönliche Erfahrungen – tief innewohnende, nicht äusserlich erlebte – die sich da auf einmal wieder melden. Vielleicht ist diese Zeit ein Stück weit auch eine Entdeckungsreise in die Erinnerungen der eigenen Seele. Dafür habe ich in meinem hochgetakteten Lebens- und Arbeitsalltag häufig keine Musse. Ich vermute, dass du dies anders erlebst. Bei dir hat die Kontemplation ihren Raum. In deiner Arbeit mit ratsuchenden Menschen wird erfahrbar, was Erinnern und Vergessen mit uns macht. . HW Es ist, wie du vermutest, mein Alltag ist nicht mehr hochgetaktet – ein Geschenk des Alters! Und dem klösterlichen Leben wohnt seit Jahrhunderten ein lebensdienlicher Rhythmus inne. Zudem birgt die Liturgie, die wir mehrmals am Tag feiern, Räume des Erinnerns. Das sind gute Rahmenbedingungen. Aber sie garantieren nicht die Musse, die du meinst. Und ohne diese Musse gibt es weder Erinnerungskultur noch die Kunst des Vergessens, die ich meine. Beides ist nicht gratis zu haben. Erinnern ist etwas zutiefst Menschliches und bedeutet in aller Regel eine Anstrengung. Es geht um einen schöpferischen Prozess mit Hilfe von Einbildungskraft und Fantasie. Unser Gedächtnis liefert zu. Vergessen dagegen geschieht meist passiv, lautlos, unspektakulär. Wir erfahren das Geschehen nicht, merken bestenfalls sein Resultat. Es erscheint uns als Leere, als Lücke, als Loch. Wer hat sich darüber nicht schon geärgert! Unsere Redewendungen versuchen zu verstehen, was dabei passiert. Wir sagen etwa: «Ich habe es aus der Erinnerung verloren». Oder: «Es ist mir entschwunden.» Oder: «Ich konnte es nicht behalten.» Oder: «Ich habe es verschwitzt», als wäre das Vergessene mir aus den Poren geflossen und verdampft, als ich mit anderem beschäftigt war. Wir können scheinbar nicht willkürlich über Vergessen und Erinnern verfügen. Dass wir dem Vergessen aber nicht passiv ausgeliefert sind, verraten wieder unsere Redewendungen: «Er hat es verdrängt», sagen wir, wenn sich jemand an unangenehme Vorfälle einfach nicht erinnert. Oder: «Sie will es einfach nicht mehr wissen». Oder: «Er schiebt es ab, blendet es aus.» Vergessen ist Wir sind Erinnerung
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