15 also eine Bewegung ‘von mir weg’. Wir wissen aus Erfahrung: vergessen können, vergessen müssen, vergessen wollen, vergessen dürfen, sind nicht dasselbe. Im Erinnern wirkt die Gegenbewegung ‘zu-mir-hin’, in mein Inneres. Beide Bewegungen sind notwendig für unsere menschliche Gesundheit, seelisch, geistig und leiblich. Erst ihr Wechselspiel macht aus, was wir im Rückblick unser Leben nennen. Mir ist, unsere digitale Lebensweise wechsle diese Richtungen aus. War früher Vergessen leicht und Erinnern aufwendig, scheint es heute zunehmend umgekehrt, denn das Netz vergisst nicht. MB Spannend! Das Thema beschäftigt mich schon länger – als Journalistin, als Mutter von immer grösser und selbstständig werdenden Kindern. Ich erinnere mich, dass ich meine ganz persönliche Datenspur, die ich im Netz hinterlasse, heruntergespielt habe. Social Media haben mich nie wirklich interessiert. Fotos von mir habe ich nirgends gepostet. Ganz bewusst. Ich musste mich weder davor fürchten, in einem Bewerbungsverfahren auf einmal mit einem peinlichen Bild aus der Vergangenheit konfrontiert zu werden, noch wegen eines deplatzierten Facebook-Posts einen Shitstorm loszutreten. Also kein Problem, dachte ich lange. Bis ich vor einigen Jahren mit ein paar hundert Sozial- und Marktforschenden im selben Saal sass. Sie erzählten von Big Data, vom Generieren von Kundenprofilen aus Millionen von Kartenzahlungen und dank Smartphone-Tracking. Ihre Augen leuchteten, mir lief es kalt den Rücken hinunter. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass auch meine Daten interessant sind, gespeichert und vor allem nicht vergessen werden. Das Recht auf Vergessen haben wir mit der vermeintlichen Freiheit des weltweiten Netzes und des unbegrenzten Datenverkehrs verkauft. Das bereitet mir Sorgen. Denn die nächste Generation geht viel offensiver mit ihren Daten im Netz um. Sie hat es gar nicht anders erlebt. Da sehe ich unsere Verantwortung: Dieser nächsten Generation auf den Weg mitzugeben, dass das Netz nicht vergisst. Das lässt mich eine Generation zurückspringen. Eine Freundin von mir, sie ist im letzten Jahr mit fast 90 Jahren verstorben, lebte ein Leben als Künstlerin, abgeschieden in einem idyllischen Weiler im Südosten Irlands. Vor ein paar Jahren sassen wir zusammen und diskutierten über das Internet. Ein Fremdkörper in ihrem Leben. Wir googelten ihren Namen. Sie war erschüttert, als sie sah, dass da Dutzende von Einträgen über sie zu finden waren. Sie war richtiggehend wütend. «Kein Mensch hat je gefragt, ob ich das will. Ich will nicht, dass man sich so an mich erinnert, mit ein paar Tastenkombinationen an einer Maschine. Kann ich da etwas dagegen tun?» Nein - sagte ich. Nun ist sogar ihre Todesanzeige im Internet verewigt. Und einen Eintrag auf Wikipedia gibt es auch. HW Das berührt. Du und ich nützen und schätzen den digitalen Fortschritt täglich, aber doch nicht blind. Ich sehe und erfahre es in meiner Arbeit: Seit uns der Kopf in die Hände gefallen ist und wir ihn hell leuchtend vor uns hertragen, sind Vergessen und Erinnern aus der gesunden Balance geraten. Mit einem Wisch, losgelöst von raumzeitlichen Grenzen, liegt das ganze Wissen der Welt offen vor uns – alles Sinnenhaften beraubt. Da erinnere ich mich an die uralte philosophische Weisheit: «Nichts ist im Geist, das nicht vorher in den Sinnen war.» Erinnern gründet doch in starken Eindrücken. Wir werden berührt, betroffen, ergriffen, sogar überwältigt. Was sich dabei in unserm Gedächtnis abspielt, darüber rätselt die Wissenschaft noch heute. Und doch – wir erleben es tagtäglich: Wir sehen ein Gesicht, eine Landschaft – und erinnern uns. Wir hören einen Namen, eine Melodie, ein Lied – und erinnern uns. Wir nehmen einen bestimmten Geruch oder Duft wahr, schmecken einen Geschmack, erfühlen eine Form, einen Raum – und erinnern uns. Wir atmen eine Atmosphäre ein – und erinnern uns. Etwas Abwesendes wird dabei leiblich spürbar, gegenwärtig. Dieses Geheimnis berührt mich immer neu, wenn wir Eucharistie feiern. «Tut dies zu meinem Gedächtnis», sagte Jesus beim letzten Mahl mit den Seinen. Und ich erinnere mich oft vertrauend an sein Versprechen bei seinem Weggehen aus dieser Welt: «Ich werde euch einen andern Helfer senden, den heiligen Geist, der wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.»
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