Zwei Meinungen – ein Thema 16 Unser tägliches Psalmengebet erinnert mich an die jüdische Weisheit: «Das Vergessen-wollen verlängert das Exil, das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung». Erinnerung verstanden als Erfahrung des Wirkens Gottes in der Geschichte, auch in meiner ganz persönlichen. Darin will und kann alles Schmerzliche, alles Unheile und Ungerechte gewandelt werden und so in unser Leben ‘einheilen’. Das ist der spirituelle Grund, aus dem ich lebe, liebe und schaffe, wenn auch oft bruchstückhaft. MB Einheilen. Da hast du mir ein wunderschönes Wort übergeben. Gerade im Zusammenhang mit Erinnerung. Nicht verheilen! Einheilen! Das habe ich mir so noch nie überlegt. Eine Wunde, die wir von einer schmerzhaften Erfahrung her mit uns herumtragen, kann ganz unterschiedlich in unserer Erinnerung bleiben. Als Stachel, der sich immer wieder hineinbohrt. Als Narbe, die verheilt ist und trotzdem zeitweise nachstört. Oder diese Wunde kann einheilen. Eins werden mit dem, was ist, mit dem was war. Einheilen, hat etwas sehr Versöhnliches, Tröstliches. Das Verheilen klingt, nachdem ich über das Einheilen nachgedacht habe, in meinen Ohren als etwas, das vorbei ist. Das nicht mehr zu mir gehört. Einheilen ist und bleibt, gehört dazu. Es ist mir arteigen geworden, mit meinem Wesen versöhnt. Ich wünsche mir mehr Einheilen. So können sich die glückhaften und die schmerzvollen Erfahrungen in mir drin verschränken zu einem bunt gewobenen Teppich der Erinnerungen, zu meinem gelebten Leben. Das ist ein schönes Bild, das nehme ich mit. HW An diesem Originalbild arbeiten wir ein Leben lang. Das, was sich im Vergessen-Wollen von uns wegbewegt, vielleicht abgespaltet hat, will behutsam heimgeholt und ins rechte Licht gerückt werden. Denn nichts, aber auch gar nichts, in unserer Biographie kann wegradiert, aber alles kann ent-sorgt, ent-stört und uns schliesslich anverwandelt werden. Darin gründet letztlich unser österliches Vertrauen, unsere Lebensdankbarkeit. Das meine ich mit dem schlichten Wort ‘einheilen‘. Dabei erinnere ich mich gerne an das Osterfeuer. Ich habe jahrelang meine schwierigen und schmerzlichen Erfahrungen zu Papier gebracht, um sie vom Osterfeuer in Licht und Wärme verwandeln zu lassen. Viele unserer Ostergäste taten es mir gleich und nahmen dieses schlichte Ritual mit in ihr Leben. Vielleicht meinen die Paulus-Worte genau das, wenn er schreibt: «Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.» Dieses Vergessen ist mehr als vergessen; es setzt herzhaftes Erinnern voraus. Wir sind Erinnerung und nicht Vergessen, denn kein Mensch lebt von dem, was er nicht hat und nicht ist. Wie bin ich froh, bewahrt mein Gedächtnis nicht alles auf und kann kleine Kränkungen vergessen. Grössere Enttäuschungen brauchen manchmal ein Gespräch, um nicht über Jahre mitgetragen zu werden. Wie bin ich froh, kann ich mich erinnern. Als junge Frau fuhr ich mit einer Freundin ins Burgund, damals noch ohne Fotoapparat. Ich war ganz angetan von der Landschaft. Einmal sassen wir einen Nachmittag lang unter einem Baum und hatten über Stunden denselben Ausblick. Dieses Bild hat sich wie ein Foto tief in mein Herz eingeprägt. Schöne Erinnerungen sind mir ein innerer Reichtum. Sie trösten die Sehnsucht, sie tragen in Dürrezeiten, sie erhalten die Dankbarkeit. Das bewusste Erinnern von Anfängen einer Beziehung, von Hoch-Zeiten einer Liebe, von Meilensteinen eines Weges, von heiligen Augenblicken, helfen die Treue halten und durchtragen. Auch mein Glaube, meine Gottesbeziehung lebt vom Erinnern. Im Vielerlei des Alltags erkenne ich Gottes Wirken oft nicht. Wenn ich abends das Erleben des Tages vergegenwärtige, kann ich Seine Spuren erkennen – ER ist da und in meinem Leben am Werk. So kann ich mit dem Psalmenbeter einstimmen: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Ps 103,2) Sr. Rahel Künzli, Baldegg ZweiMinutenPredigt
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