Zwei Bilder – ein Leben 19 Lange Wochen waren Jesus und ich allein mit den leeren Stühlen und Tischen im Klosterkafi. Langweilig war‘s: keine Gäste, keine Kinder, keine Schwestern! Weg die Düfte aus der Küche und weg das Lachen der Männer und Frauen an ihren Jahrgängertreffen. Kein Prosten bei der Geburtstagsparty und keine Plaudereien der beiden Damen mehr, die in den Korbstühlen unter meinen Füssen ihren Stammplatz hatten. Gut, böse Zungen behaupten, Jesus und ich wären leere Bänke gewohnt. Nein, daran kann ich mich nie gewöhnen. Ich suche die Nähe von Menschen, auch wenn der Bundesrat immer predigt, die soziale Distanz einzuhalten. Früher war mein Platz im Sitzungszimmer der Generalleitung des Klosters. Zugegeben, während der Sitzungen war es interessant, aber leider gab’s diese Abwechslung nur alle paar Wochen, sonst waren Jesus und ich allein. Darum hatten wir ein Riesenglück, als die Wahl auf uns fiel, und wir ins Klosterkafi zügeln durften. Den besten Platz hat man uns dort reserviert: Wir sehen, wer kommt und wer geht. Es gibt Gäste, die grüssen uns spontan mit einem netten Blick. Bei andern geht es lange, bis sie uns wahrnehmen. Das macht nichts, ich bin es gewohnt zu warten. Warten gehört zu meinem Leben. Überdies kommen die Gäste ja zum Essen und Trinken, nicht wegen Jesus oder mir. Öfter als Sie denken, nehmen Gäste mit uns verstohlen Kontakt auf. Sie tun dies wortlos, manchmal fragend, manchmal klagend. Sie wissen, dass ich sie auch im grössten Stimmengewirr verstehe, und dass Jesus und ich schweigen. Aber ich höre ihre Sorgen und trage sie zu Gott. «Mon Dieu», rufe ich dann, «hilf, die Not ist so unerträglich gross für diese Frau, diesen Mann!» So klage ich für sie, erwähne die Zerwürfnisse in ihrer Familie, bitte um Heilung von Krankheit oder um eine neue Arbeitsstelle, auch um Mut und Hoffnung für sie. Wenn sie nächstes Mal ins Klosterkafi kommen, schauen wir uns an wie Altbekannte. Das tut gut. Natürlich gibt es Gäste, die uns keines Blickes würdigen und nur Ausschau halten nach dem besten Sitzplatz, oder wo’s zur Toilette geht. Auch dafür habe ich Verständnis. Sie kommen ja ins Klosterkafi und nicht in die Kirche. Witzbolde hörte ich schon spassen, die Schwestern hätten uns im Kafi platziert, damit Jesus auch hier Wasser in Wein verwandelt, wie damals in Kana! Nun ja, die eine oder andere Schwester im Service habe ich auch schon am Rockärmel gezupft: «Du, schau mal, am Tisch 13 haben sie keinen Wein mehr!» Den Tag, als das mit dem Lockdown passierte, vergesse ich nicht. Ungläubig standen die Schwestern vor ihren leeren Tischen. Doch dann geschah, was immer passiert, wenn Frauen ein Problem haben, sie fangen an zu putzen. Nun hatten die Schwestern auch Zeit, etwas mit mir zu sprechen. Ihre Anhänglichkeit zu spüren, tat mir gut. Als alles tipptopp glänzte, fielen mir die Sorgenfalten auf der Stirne von Sr. Erna-Maria auf: «Wann kommen wohl meine lieben Gäste wieder?» Mir ging es gleich. Ich mochte den Tag kaum erwarten, an dem ich den Gästen wieder mein Kind zeigen darf. Schauen Sie genau hin: «Der Kleine zeigt Potential für Grosses. Fast vorlaut thront er auf meinem Arm, so, als wollte er jeden Moment davonhüpfen und sich zu den Gästen an den Tisch setzen.» Jesus will immer mitten unter den Leuten sein! Das ist auch richtig für den Sohn Gottes. Sie können es glauben oder nicht: Irgendwann werden es alle merken, dass er schon immer bei ihnen bei Tisch gesessen hat. mrz Maria mit Kind im Klosterkafi
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