4 Staunen – Fragen – Vorurteile abbauen Warum leisten Sie den Zivildienst in unserem Klosterbetrieb? Ahash: Wohnortnähe war für mich ein wichtiges Kriterium. Dass das Kloster etwas Spezielles ist, war mir bewusst. Ich bin ein offener Mensch und bin neugierig in diese Arbeit eingestiegen. Silvan: Ich wollte unbedingt in die Betreuung. Zudem kannte ich das Kloster nur von aussen. Daher reizte es mich, einmal hinter die Kulissen zu schauen. Was fragten Sie sich bei der ersten Begegnung? Ahash: Ich wurde herzlich willkommen geheissen. Zuerst fragte ich mich, wie wohl der Alltag dieser Schwestern aussehen würde. Ich glaubte, sie würden nur essen und beten. Dann merkte ich bald, dass der Alltag gut strukturiert ist und er viel Abwechslung bringt. Meine Mutter arbeitet auch in einem Altersheim. Wenn ich Vergleiche anstelle, muss ich sagen, dass die Schwestern hier dankbar sind für jeden Dienst. Meine Mutter hingegen erlebt es anders: Die Bewohner und Bewohnerinnen bezahlen für alle Dienstleistungen und machen dabei ihr Recht auf Anspruch geltend, mehr oder weniger offensichtlich. Dann fragte ich mich auch, wie man Ordensschwester wird. Silvan: Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Nach drei Tagen konnte ich bereits ziemlich selbstständig arbeiten und kam so in direkten Kontakt mit den Schwestern. Ich hatte verschiedene Fragen zu den Abläufen. Muss es wirklich so gemacht werden? Ich durfte Vorschläge machen und teilweise umsetzen. Bevor ich hier mit der Arbeit angefangen hatte, glaubte ich, man sei als Beruf «Klosterfrau», die den ganzen Tag betet. Worüber staunen Sie? Ahash: Zuerst staunte ich wie hier alles gut organisiert ist, ebenso über die vorhandene Infrastruktur. Ich staune über die Lebensgeschichten jeder Schwester, über Sr. Paulina, die früher Ökonomin war und fragte mich: «Wie bin ich dann einmal im Alter?» Auch Sr. Marzella als studierte Frau und Sr. Leonore als ehemals tüchtige Musiklehrerin machen mir Eindruck. Ich staune über Sr. Sabeth, die mit ihren 90 Jahren noch so fit und belesen ist. Ich staune, wie gerne die Schwestern zum Beten gehen. Ich dachte mir, dass man mit der Zeit keine Lust mehr dazu hat. Silvan: Ich staune über die betagten Schwestern, die noch so viel selber machen, wie anpassungsfähig sie sind und wie sie mit Veränderungen zurechtkommen, oder wie verschieden die Schwestern sind und wie sie früher berufstätig waren wie andere Leute auch. Ich staunte noch mehr, dass sie so verantwortungsvolle Aufgaben innehatten, z. B. Ökonomin, Lehrerin für Naturwissenschaften am Seminar, Musiklehrerin usw. Dass diese Schwestern nun so hilfsbedürftig und gebrechlich geworden sind, beeindruckt mich. Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht, wie man im Alter werden kann. Ich staune, wenn die Schwestern von früher erzählen und staune, wie viele Frauen hier arbeiten und zusammenleben. Das habe ich so noch nie erlebt. Weiter staune ich über die Digitalisierung, die auf der Pflege schon Einzug gehalten hat. Hat sich Ihr Bild von Ordensfrauen verändert? Ahash: Ja. Heute weiss ich, dass die Schwestern sehr verschieden sind. Jede übte früher einen Beruf aus, der sie geprägt hat. Das wird mir immer mehr bewusst. Können Sie ein eindrückliches Erlebnis schildern? Silvan: Für mich ist jeder Tag ein neues Erlebnis. Einmal sagte eine betagte Schwester: «Jetzt aber Donner und Doria!» Ich hätte niemals gedacht, dass eine Schwester solche Kraftausdrücke verwenden würde. Es sind Menschen wie andere. Was nehmen Sie in Ihren Alltag mit? Ahash: Man hat zu schnell unberechtigte Vorurteile. Das Bild, das ich von Ordensschwestern hatte, musste ich korrigieren. Silvan: Ich nehme viele Eindrücke von den sozialen Berufen mit. Ich habe mehr Verständnis für Betagte und Behinderte, habe einen anderen mitmenschlichen Umgang gelernt, bzw. die gegenseitige Toleranz. Toleranz bringe ich zwar von daheim mit, besonders, was andersdenkende und fremde Menschen anbelangt. Was möchten Sie uns Schwestern sagen? Silvan: Alle gehen immer positiv und aufgestellt in den Tag hinein. Ahash: Viele Leute leben heute den Glauben nicht mehr. Darum gibt es kaum mehr Nachwuchs. Man sollte das Kloster attraktiver machen: Schulklassen einladen, Tage der offenen Tür veranstalten, am Martinimärt oder am Weihnachtsmarkt mit einen Marktstand präsent sein und noch viel mehr. Sr. Boriska Winiger, Baldegg Ahash Pirathapan, 1998, aufgewachsen in Hochdorf LU. Nach der Sekundarschule absolvierte er eine Lehre als Informatiker, anschliessend Berufsmatura am Berufsbildungszentrum Bau und Gewerbe Luzern; Ausrichtung Technik, Architektur, Life Sciences. Silvan Meyer, 1998, aufgewachsen in Hochdorf LU. Nach der Sekundarschule absolvierte er eine vierjährige Lehre als Multimediaelektroniker. Seit einiger Zeit leisten junge Männer ihren Zivildienst auf der Pflegeabteilung unseres Klosters. Ich hatte Gelegenheit mit Ahash Pirathapan und Silvan Meyer ins Gespräch zu kommen.
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