baldeggerjournal

5 Dieses Gebet hat mir schon oft Mut gemacht, wenn ich nicht weiter wusste und niemanden zum Reden hatte. Die Realität in Bosnien und Herzegowina ist geprägt von Perspektivelosigkeit, nationalistischen Ideologien und Korruption. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und immer mehr junge Menschen und Familien wandern ab, um sich im Ausland eine normale Existenz aufzubauen. In solchen Situationen offenbart sich manchmal die «segnende Kraft». Sie äussert sich im Staunen über unerwartete Erfahrungen und Einsichten, die den Weg weiter weisen. Angesichts von Umweltzerstörung, rücksichtslosem Konsum und Gleichgültigkeit Von Juni bis Oktober säumen die blauen Blüten der Wegwarte (oder Zichorie) meinen Weg zur Arbeit. Jeden Morgen öffnen sich neue, der Sonne zugewandte Blüten. Hitze, Trockenheit, Autoabgase und Strassenstaub können ihnen nichts anhaben. Dank ihrer tiefen Pfahlwurzel vermögen sie ziemlich viele Belastungen aus der Umwelt auszuhalten. Der Anblick ergreift und freut mich jeden Tag neu: Etwas Frisches, Heiles, Zärtliches und Verständnisvolles geht von der Pflanze aus. Vertrauen wird wach, dass auch in den Menschen und Gemeinschaften, mit denen ich unterwegs bin, eine Kraft wirkt, die uns auf- und durchatmen lässt. Angesichts der Zweifel und Fragen, ob dieses Land noch zu retten ist, hat die Wegwarte eine Antwort bereit: Ja, es ist wichtig, sich aus der Quelle des Lebens zu nähren und der Vision vom «Leben in Fülle für alle» (Joh 10, 10) zu folgen. Die grosse segnende Kraft im Alltäglichen Sr. Madeleine Schildknecht, Sarajevo Angesichts von Vereinzelung, Ausgrenzung und Verarmung von Betagten Seit Monaten trage ich mich mit der Idee, ein Netzwerk «Freiwilligenarbeit von Betagten für Betagte» aufzubauen. Sorge für Bedürftige in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis ist zwar eine Selbstverständlichkeit in der bosnischen Mentalität. Doch es gibt immer mehr betagte Menschen, die keine sozialen Netze haben und vereinsamen, ohne dass es jemand merkt. Der Zerfall des staatlichen Rentensystems ist absehbar. Ohne starkes Projektteam von Gleichgesinnten hat ein solches Projekt keine Chance. Wo Verbündete finden? Als ich schon ans Aufgeben dachte, begegnete ich auf dem Heimweg einer Kollegin. Mit ihr hatte ich früher zusammen gearbeitet, sie aber später aus den Augen verloren. Sie war angetan von der Idee und mobilisierte ihre Bekannten. Nach kurzer Zeit waren wir vier pensionierte Berufsfrauen mit viel Lebenserfahrung. Gemeinsam entwickeln wir eine Strategie, wie wir Pensionierte für diesen Dienst der Mitmenschlichkeit gewinnen können. Angesichts von Angst und Widerstand Projekte, die Menschen unabhängig von Zugehörigkeiten zusammenbringen, wecken Hoffnung bei den Betroffenen, lösen aber auch Kritik von Obrigkeiten aus. Deren Widerstand auszuhalten und damit zu ringen ist mühsam. Oft leuchtet früher oder später ein Schriftwort, ein Gebet auf, das mich befreit aufatmen und neu auf die Menschen zugehen lässt. «Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine grosse, segnende Kraft gibt, die Gott heisst. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln - zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.» Martin Luther King Ungebet Da du alles schon weißt, mag ich nicht beten - Tief atme ich ein, lang atme ich aus Und siehe: du lächelst Kurt Marti

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