9 Das Wort Staunen hat es mit den Wörtern stehen, Stau und starren zu tun. Vor lauter Staunen vergisst man alles andere. Derart stauen sich die Gedanken. Umgekehrt wird man staunend ganz Auge; man kann nur noch staunen und sehen. So starrt man gedankenlos vor sich hin. Das Staunen ist durch drei Elemente gekennzeichnet. Erstens begegnet mir etwas unerwarteterweise. Es kann bekannt sein oder auch nicht; auf jeden Fall kommt es unerwartet. Zweitens beeindruckt mich das Unerwartete tief. Ich werde innerlich bewegt und starre vor mich hin. Drittens empfinde ich das Unerwartete nicht als Bedrohung. Daher erstarre ich zwar für ein Weilchen, aber ich fliehe nicht. Ich bleibe stehen und verweile. Dieses dritte Merkmal unterscheidet das Staunen von der Angst. In der Angst empfinde ich das, was mir begegnet, als Bedrohung. Angst ist nämlich das Gefühl, vom Nichts umgeben zu sein, das mich zu vernichten droht. Darum erstarre ich vor Angst. Aber nach der Schrecksekunde versuche ich zu fliehen. Kurzum: Die Angst flieht; das Staunen verweilt. Mithin ist das Staunen das gedankenvolle oder das gedankenlose Verweilen bei dem, was mir unerwartet begegnet, das mich tief beeindruckt und innehalten lässt. Das Fragen geht weiter Vom Wort her ist das Fragen eigentlich fast eine «Schweinerei». Denn Fragen ist sprachlich mit Ferkel verwandt. Warum? Das Ferkel ist nämlich das Tier, das in der Erde herumwühlt, also die «Wühlerin». Im Hintergrund steht die Wortwurzel ferg. Sie bedeutet aufreissen, wühlen. Daraus entstehen Wörter wie Furche und forschen. (Dem entsprechen auch die lateinischen Wörter poscere für forschen und porcus für Schwein.) Fragen ist demnach eine Wühlarbeit. Will man aber nicht ergebnislos bei der Wühlerei bleiben und zu einem Ergebnis kommen, muss man das Ackerfeld des Nichtwissens zielstrebig pflügen. Man muss Furchen ziehen, damit das Weizenfeld des Wissens zu blühen beginnt. Fragen ist demnach der Versuch und das Bemühen, begründetes Wissen zu erwerben. Auch dieses Fragen ist durch drei Merkmale gekennzeichnet. Erstens begegnet mir etwas, was ich zweitens nicht kenne, was aber drittens meine Neugierde weckt und mich veranlasst, eine Antwort zu suchen. Auf diese Weise ist der Mensch das staunende und fragende Wesen. Offenen Auges und Herzens kommt er aus dem Staunen nicht heraus. Grübelnd ist er ständig am Fragen: Warum und wozu? Beim Warum fragt er zurück nach der bewirkenden Ursache. Nur zu oft finden wir auf diese Frage keine oder keine befriedigende Antwort. Das tatsächlich Geschehene bleibt ungeklärt. Umso wichtiger wird jetzt die zweite Frage Wozu. Beim Wozu fragt der Mensch nach dem Sinn dessen, was um ihn herum geschieht oder ihm selber widerfährt. Was kann ich mit dem anfangen, was mir als ungeklärte Tatsache begegnet? Oft erfahren wir später, dass das für uns Unerklärliche doch seinen Sinn und sein Gutes hatte. Es gibt also beides, das Staunen und das Fragen. Aber wie gehören sie zusammen; und was kommt zuerst, das Staunen oder das Fragen? Während unseres Studiums haben der spätere Weihbischof Peter Henrici und ich darüber gestritten. Henrici vertrat mit Plato die Ansicht, die Philosophie beginne mit dem Staunen, und somit sei das Staunen das grundlegend Erste. Ich war mit Coreth der Meinung, die Frage sei das Erste und Letzte unseres Denkens. Denn hinter die Frage komme kein Mensch zurück. Wer nämlich nach der Frage fragen will, muss selber noch einmal fragen und kommt damit aus der Fragerei nicht heraus. Gewiss können wir auch sagen: «Kommt nicht in Frage.» Aber damit wird die Angelegenheit abgeschrieben; sie existiert für uns nicht mehr. Derart ist die Frage alles oder nichts. Nachdem ich älter und wohl auch etwas vorsichtiger geworden bin, bin ich geneigt, eher Henrici und Plato recht zu geben. Die Frage mag zwar das Letzte sein. Doch wenn ich die Frage ausdrücken will, muss ich sie in Worten zum Ausdruck bringen. Diese Worte jedoch, in denen ich meine Frage ausdrücke, müssen mir bekannt sein. Darum setzt die formulierte Frage bereits ein bestimmtes Wissen voraus. Das Fragen ist demnach nicht der Weg vom Nichtwissen zum Wissen. Es ist vielmehr die Erweiterung des bereits vorhandenen Wissens. Wer überhaupt nichts weiss, kann weder sprechen noch fragen. Das Fragen vergeht; das Staunen bleibt Eines aber ist gewiss. In der Ewigkeit hört das Fragen auf. Gott selber ist die Antwort auf all unsere Fragen. Doch das Staunen wird immer grösser. Wir staunen über die allmächtige Grösse Gottes und seine väterliche Güte, die er uns in mütterlicher Liebe schenkt. Wir staunen vor allem darüber, dass dieser unendliche Gott in Jesus unser leiblicher Bruder geworden und in unserer eigenen Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern unter uns gegenwärtig ist. Darum wird es das beste sein, wir beginnen mit dem Staunen bereits jetzt. Auf Erden muss beginnen, was bleiben soll in Ewigkeit. Feiern wir darum gesegnete Weihnachten. Der Christbaum leuchtet hell. Er wirft Licht auch auf so manche dunkle Fragen unseres Lebens. Zünden wir erwartungsvoll die Kerzen an und lernen wir das Staunen bei den Kindern mit ihren grossen Augen und kleinen Herzen. Aber vielleicht haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zuhause keinen Christbaum. Dann nehmen Sie das BaldeggerJournal zur Hand und blättern Sie gespannt in diesem Heft. Wie viele eigene Fragen steigen uns beim Lesen auf; und wie viel Staunenswertes wird uns erzählt. So ist das Heft selber ein staunenswertes kleines Weihnachtsgeschenk. Herzlichen Dank all jenen, die mit uns fragen und uns staunen lassen.
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