11 + Dr. P. Werner Hegglin Liebe Leserin, lieber Leser Es kann sein, dass wir von einem Menschen sagen, er habe sein Leben hingegeben; im Dienste an den Kranken zum Beispiel. Was meinen wir damit: Leben hingeben? Wahrscheinlich kommt uns Jesus in den Sinn, sein Kreuz; dazu die ersten Christen in den mörderischen Spielen des römischen Kolosseums. Mir kommen heute eher in den Sinn die Tausenden, die aus Glaubensüberzeugung ihr Leben hingegeben haben im totalitären 20. Jahrhundert. Während jener Zeit im Zweiten Weltkrieg war ich ein Schulkind. Es war für uns damals die Zeit weitgehender Selbstversorgung. Wir hatten drei Pflanzplätze: einen grossen beim Haus für Küchenkräuter und Gemüse; etwas entfernt den zweiten: für Brombeeren, Erdbeeren und Himbeeren und am andern Ende des Dorfes, in den Höfen, wie es dort hiess, einen Kartoffelacker, den uns eine verwandte Bauernfamilie überliess. Ich half meinem Vater bei aller Gartenarbeit; ich tat es gerne. Warum erzähle ich das? Ich wollte etwas sagen vom Leben hingeben. Vater und ich arbeiteten oft auf dem weit entfernten Kartoffelacker. Daran habe ich starke Erinnerungen. Wir machten den Acker bereit, wie es Brauch war und setzten dann die Kartoffeln. Da erinnere ich mich, wie ich nicht verstehen konnte, dass wir die schöne Kartoffel rücksichtslos in die Erde vergruben. Natürlich wusste ich, dass es so richtig war; und doch hatte ich bei jeder der schönen Kartoffeln das Gefühl, sie werde in der nachtdunklen Erde sterben und verfaulen. Damals wusste ich noch nicht, dass Jesus gesagt hatte: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Noch stärker erinnere ich mich an das Ausgraben der Kartoffeln. Mein Vater stach bei jedem Stock mit der Stechgabel ein, wendete sorgfältig die Erde, und dann purzelten mindestens ein Dutzend neuer Kartoffeln heraus. Mein Kinderherz lachte jedes Mal vor Freude. Aber richtig in Staunen kam ich, wenn ich die alte Kartoffel sah, die wir gesetzt hatten. Sie war nur noch eine löcherige Hülle, innen ganz verbraucht, eine Haut, schwach und hinfällig. Sie hatte ihre ganze Kraft, ihr ganzes Leben hingegeben, damit unsere schönen neuen Kartoffeln nun da lagen, zum Trocknen ausgelegt an der Sonne. Damals wusste ich noch nichts von dem, was Jesus gelehrt hatte: Wer sein Leben für sich behält, wird es verlieren; wer sein Leben hingibt, wird es gewinnen. Jetzt ist es Zeit, sich zu erinnern an all jene, die viel, viel Zeit ihres Lebens hingegeben haben für mich. Meine Eltern und Geschwister zuerst; dann die eine Grossmutter, die uns immer wieder in die Ferien genommen hat; jene unvergessliche Lehrerin, jene entscheidenden Lehrmeister; dazu alle, die über Jahre grosszügig mit mir zusammengearbeitet haben, denen ich viel Leben verdanke; auch tragende Freundschaften und jede dauerhafte Gemeinschaftlichkeit: Wie viel Leben ist in mein Leben eingeflossen! Ich werde nie vergessen, wie die alten Kartoffeln ausgesehen haben. Juni 2012 aus: P. Werner Hegglin, 1934-2019, Menschsein ist schon ein Beruf; Hrsg. Christoph Schwyzer, 2019, S. 325f.
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