12 Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franz «Du heiliger Strohsack!» Diese umgangssprachliche Redensart des Staunens entfällt mir spontan beim Lesen des Textes. Du wolltest uns staunen lassen ob der Menschwerdung Gottes, der bitteren Not des Jesuskindes, und ich staune über das «heilige» Stroh. Unpassend? Und doch, das Stroh war Heil bringend, heilend, heilig. Was bedeutet «heilig»? Im Alten Testament hiess es für das Volk Israel vor allem, sich von anderen Völkern abzugrenzen, andere Vorschriften des Gesetzes zu halten und auf diese Weise Gott zu dienen. Mit der Geburt Jesu bedeutet «heilig», «Heil bringend», Gott besonders nahe und mit ihm verbunden zu sein. Gott kam den Menschen nahe, indem er selbst Mensch wurde. Bruder Franz, du wolltest das Weihnachtsfest lebendig darstellen und dadurch den Menschen neu vor Augen führen, was es bedeutet, dass Gott – für uns – Mensch geworden ist. Dies scheint dir gelungen, wenigstens hast du bis heute den Ruf, die Krippendarstellung erfunden zu haben. Aber wir wissen, dass dies nicht stimmt, denn der Brauch, Krippen aufzustellen, ist seit dem 8. Jahrhundert bekannt. Doch den Brauch, das Weihnachtsfest lebendig zu gestalten, hast du im Jahr 1223 in Greccio initiiert. Mit deiner Darstellung der Krippe hast du Menschen und Tieren Gott so nahegebracht, dass gemäss Legende sogar das Stroh «Heil» bewirkte, den Menschen mit Gott – dem Heil selbst – verband. Also doch nicht ganz unpassend, von «heiligem Stroh» zu reden. Aber was ich dich fragen wollte: hast du dich nicht gewundert, dass das Stroh heilbringend war? Warst du einfach ergriffen und hast es hingenommen? Ich wäre aus allen Wolken gefallen. Oder hattest du die Demut eines Kindes, dem Staunen im Herzen Raum zu geben? Die Situation mit den Augen des Herzens zu sehen und dadurch das Wesentliche zu erkennen? Das, was mich sprachlos macht, mit dem Herzen zu verstehen? Wie ich dich kenne, trifft dies zu. Das völlig Unerwartete mit dem Herzen aufnehmen. Diese Bereitschaft war deine Grundhaltung und ermöglicht einen Zugang zu Gott. So gesehen sagst du mir mit deiner Haltung: Gott begegnet uns in den alltäglichen Dingen und zwar unerwartet, wie das Staunen ein Moment ist, mit dem wir nicht rechnen. Gott sucht uns dort auf, wo wir sind. Gott findet, wer bereit ist, sich von ihm überraschen und seine Nähe zuzulassen. Bruder Franz, ohne deinen Gegenbericht gehe ich davon aus, dass ich recht habe. Weisst du, von dir kann ich noch viel lernen. Ich werde wieder auf dich zukommen. Liebe Grüsse deine Schwester Serafina «Ich möchte die bittere Not, die das Jesuskind litt, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Stroh gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen», sagte der Hl. Franziskus. So geschah es in Greccio. Das Stroh, das in der Krippe gelegen, bewahrte man auf, um damit Tiere zu heilen. Es wurden viele Tiere, die verschiedene Krankheiten hatten, von diesen befreit, wenn sie von dem Stroh frassen.» (aus den Fioretti). «Du heiliger Strohsack!»
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=