Zwei Bilder – ein Leben 19 Mit dem Papst hatten wir nicht viel zu tun. Wir waren ja für die Schweizergardisten da. Aber in Castelgandolfo hatten wir immer eine Abschiedsaudienz. Da gab der Papst jeder von uns die Hand. Papst Johannes Paul II. hatte so eine Mode, wenn er einem die Hand gab, schaute er bereits die nächste Person an. Hier sagte er einmal etwas zu mir, das war eine Ausnahme. Im Heiligen Jahr 1975 musste ich nach Rom, das war die Zeit von Papst Paul VI. Er war ein guter Mensch. Am Sonntag wechselte der Papst oft die Kleider und ging im Verborgenen in die kleinen Gässchen zu den armen Leuten. So jedenfalls erzählten es uns die Gardisten. Wir Schwestern hatten es sehr streng in der Küche der Schweizergarde. Die Gardisten hatten ja guten Appetit. Einmal bestellte einer sechs Spiegeleier aufs Mal. Ich sagte ihm: «Sie können auch sieben haben.» Ich habe alles gemacht, viel gerüstet und geputzt, das machte ja sonst niemand gerne. Ich habe es gerne sauber. Im Castelli draussen habe ich einmal mein Schlafzimmer nicht mehr gefunden. Ich wusste nur, dass wir Schwestern sechs Tritte nach unten schlafen und der Heilige Vater wohnt sieben Tritte nach oben. Aber es hatte so viele Türen und Zimmer. Plötzlich stand ich vor dem Papst. Ich sagte zu ihm: «Heiliger Vater, ich finde mein Zimmer nicht mehr.» Papst Johannes Paul II. öffnete mir eine Türe und sagte nur: «Da schlafen Sie, Schwester.» Das Schönste war, dass wir in den Vatikanischen Gärten spazieren durften. Sonst hätte man das nicht ausgehalten in Rom mit diesem Autogestank. Ich kannte schattige Plätzchen, wo ich mich etwa mit einem Buch versteckte. Einmal hörte ich plötzlich den Helikopter. Es schaltete mir sofort: Wenn der Papst heimflog, durfte niemand dort sein, sicher keine Frauenzimmer. Ich versteckte mich hinter einem Baum. Als das Auto mit dem Papst vorbeifuhr, hat er mich sofort entdeckt und spendete mir aus dem Auto heraus den Segen. Als er dann ausstieg, drehte er sich noch einmal zu mir um und winkte. Ich hatte natürlich Freude. Ich bin immer gerne allein mit dem Nachtzug von Rom heimgereist. Einmal hatte ich einen Kommunisten im Schlafwagen. Er fragte mich bald: «Glauben Sie an Gott?» «Sie nicht?», fragte ich. «Nein, nein, wenn er kommt, bin ich weit weg.» Ich sagte ihm, dass er vor Gott nicht davonspringen könne, Gott habe ihn schon an der Hand. Bis Mitternacht ging das so, er erzählte mir sein ganzes Leben, es war wie eine Beichte. Morgens um sechs Uhr weckte er mich: «Stehen Sie auf, ich muss mit Ihnen reden.» In Luzern hat er mir mein Köfferli hinausgetragen und geweint und gesagt, ich hätte ihm geholfen, er werde jetzt sein Leben ändern. Auch anderes erlebte ich: Einmal wurde einer Frau in meinem Coupé die Tasche gestohlen. Ich hatte einen «gschpässigen» Mann beobachtet und meldete dies dem Couchettemann. Beim Zoll in Chiasso wurde alles abgeriegelt, die Polizei kam und legte dem Mann Handschellen an. Die Frau bekam Tasche und Geld zurück. Vor lauter Glück verküsste sie mich grad! Ich bin mein ganzes Leben immer um Geistlichkeiten herum gewesen, zuerst in der Unterwaid, dann im Kollegi in Stans. Da hatte es auf einem Stock 108 und im kleinen Schlafsaal 58 Zellen. Unglaublich, was ich da alles putzen musste: jeden Tag 175 Brünneli und die vielen Toiletten. Die Studenten ärgerten mich, wenn sie ihr Turnzeug herumliegen liessen. Einmal habe ich es in der «Verrückti» zum Fenster hinausgeworfen. Da hatte ich Ruhe. Später kam ich ins Bischofshaus in Solothurn. Bischof Otto Wüst und andere haben mir dort nur «Susi, Susi» gerufen. Ich habe begonnen, Geld einzuziehen, wenn sie mir so riefen. Als ich in der Schweizergarde war und Bischof Otto auf Besuch in Rom war, rief er auch dort nur «Susi, Susi». Aber er erinnerte sich, dass das etwas kostet und gab mir 20‘000 Lire. Hier in Baldegg habe ich nicht viel Zeugs. Wir müssen doch an die Ewigkeit denken, da können wir ja nichts mitnehmen. Bei mir gibt es dann einmal nicht viel aufzuräumen. Ich habe nicht so «Nigginäggizüg» zum Aufstellen. Das wird bloss staubig. Ich habe nur, was ich brauche. Kleider habe ich auch nicht viele, ich habe immer nur einen Werktagsrock und einen Sonntagsrock in Gebrauch. Die trage ich, bis sie kaputt sind. Ja, so ist das! mrz Sr. Suso Sidler hatte es immer streng
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