2 Die Strassenlampen warfen Lichtstreifen durch die wenig geöffneten Latten der Fensterläden auf die Wand im Kinderzimmer. Gerne schaute ich sie an, zählte, verglich ihre Breite und Länge, die Abstände, erinnerte meinen erlebten Tag da hinein. Gelegentlich wurden diese Streifen verdunkelt durch einen mächtigen Schatten, der mal schnell mal langsam wieder verschwand. Furcht ja Angst beschlich mich dabei gelegentlich. Dann zog ich reflexartig die Decke über meinen Kopf und schlief schliesslich ein. Es dauerte, bis ich meine nächtlichen Erfahrungen mit meiner Familie teilte. Mein älterer Bruder lachte mich aus und zeigte mir, wie diese fürchterlichen Schattengebilde entstanden. Mamma tröstete mich und lernte mich, mutig hinzuschauen und die Gebilde zu benennen. So wich meine nächtliche Angst mit der Zeit der Entdeckerfreude und Neugierde und dem Spielen von Schattenfiguren. Ich erkannte die Gebilde als Schöpfungen meiner Gedanken und Fantasien. Diese Kindheitsgeschichte ist wie ein Ausgangspunkt dessen, was ich bei mir selber und in der Begleitung von Menschen auf dem kontemplativen Weg immer wieder erfahre. Nur im gegenwärtigen Augenblick, im Hier und Jetzt, können wir leben und können wir Gott begegnen, mit ihm in Beziehung treten. Wir leben im Jetzt, wenn wir uns achtsam dem zuwenden, womit wir gerade beschäftigt sind. Denn wenn wir gleichzeitig anderen Gedanken nachgehen sind wir oft mit Dingen (Sorgen, Erinnerungen, Plänen, Wünschen, Urteilen, Alternativwelten ...) beschäftigt, die der Vergangenheit oder der Zukunft angehören. Je stiller wir werden, umso mehr bemerken wir, wie unsere Gedanken ununterbrochen laufen, hüpfen, springen. Unsere erste Reaktion ist: Wir wollen diesen Störfaktor weghaben. Je mehr wir – meist die eher unangenehmen Gedanken – bekämpfen, umso mehr beschleichen sie uns. Mit den angenehmen und wohlgefälligen hingegen laufen wir Gefahr, ins Tagträumen abzudriften und zu dösen. Die Kontemplation lehrt: den Gedanken nicht anhaften. Wahrnehmen, dass sie da sind. Ihnen aber mit Entschiedenheit und je neu die Aufmerksamkeit entziehen. Im konsequenten sich Hinwenden zur Gegenwart Gottes, zu dem, was wir je jetzt wahrnehmen, werden wir leer und tiefer in die Stille geführt. Bleiben wir weiter achtsam in der Stille, werden uns die darunter liegenden Gefühle bewusst. Nicht nur die positiven. Wir bemerken Zorn, Groll, Empörung, Traurigkeit, Neid, Minderwertigkeit, Selbstzweifel, Sorge, Angst, Überdruss, Unruhe, Langeweile ... Lauter Gefühle, vor denen wir uns fürchten und die wir vermeiden möchten. Wir kommen in Kontakt mit der tieferen Schicht unserer inneren Spannungen und Konflikte. Wir werden gewahr, dass wir nicht so perfekt sind, wie wir oder andere es von uns erwarten. Wir wollen diesen schmerzhaften Affekten ausweichen, vor ihnen fliehen. Das kontemplative Verweilen bringt uns mit dem Schmerzlichen in Kontakt. Wie können wir damit umgehen? Zulassen, wohlwollend akzeptieren, vielleicht auch benennen. Aber sich nicht davon in Beschlag nehmen lassen, nicht darauf starren, sich nicht damit identifizieren. Der Verzicht, das Schmerzliche weghaben zu wollen, bereitet den Weg der Wandlung. Es geschieht, wenn wir uns je neu und entschieden auf die Gegenwart Gottes ausrichten, die auch das Schmerzliche umfängt, die unsere Furcht heilt. «Was wir bekämpfen, werden wir nicht überwinden. Nur was wir anschauen, kann Gott heilen.» Cassian Hertenstein Sr. Beatrice Kohler, Hertenstein Tanzende Schatten
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