baldeggerjournal

4 Kloster Baldegg «Fürchtet euch nicht ...» Wer hat sich nicht schon als Kind gefürchtet vor dem dunklen Schlafzimmer; und wer wurde nicht von Angst befallen, wenn er in den finsteren Keller hinunter musste? Seit Kindertagen gehören Furcht und Angst zum menschlichen Leben. Dabei unterscheiden wir in der Alltagssprache kaum zwischen Furcht und Angst. Jedenfalls fühlen wir uns in beiden Fällen bedroht und bedrängt. In und vor der Bedrängnis versuchen wir zu fliehen. Erst in neuerer Zeit hat man genauer zwischen Angst und Furcht unterschieden. Dabei wurde über die Angst weitaus mehr nachgedacht als über die Furcht. Offenbar scheint die Angst tiefer im Menschen verwurzelt zu sein als die Furcht. In der Welt habt ihr Angst Wörtlich hat es die Angst mit der Enge zu tun. Angst erinnert uns an die Angina als jene Krankheit, bei der der Rachen entzündet und die Kehle wie zugeschnürt ist. Man hat Angst, erwürgt zu werden, wie das griechische Wort «agchone» heisst, nämlich mit dem Strick erdrosseln. So verstehen wir, was Angst im Grunde bedeutet, nämlich dass ich zwar existiere, aber rundum vom Nichts umgeben bin, das mich zu vernichten droht. Heutige Psychologen weisen allerdings darauf hin, dass die Angst nicht nur lebensbedrohend, sondern auch lebensrettend ist. Sie sind der Ansicht, der Mensch Dr. P. A. Ziegler SJ, Zürich sei dann seelisch gesund, wenn sich bei ihm Lebensangst und Lebensmut das Gleichgewicht halten. Lebensmut drängt nach vorn und lässt uns das Leben wagen. Lebensmut ist Wagemut. Lebensangst hält uns zurück und bewirkt, dass der Wagemut nicht zur Tollkühnheit wird, die ins Verderben führt. Kurz und salopp gesagt: Mut ist der Motor des Lebens, ohne den nichts läuft. Angst ist die Bremse, die uns vor dem Abgrund rechtzeitig anhalten lässt. Gilt dies nicht auch im geistigen Sinne? In seiner Abschiedsrede an die Jünger sagt Jesus: «In der Welt habt ihr Angst, aber habt Mut, ich habe die Welt überwunden (Joh 16, 33).» Furcht und Schrecken hatte sie erfasst Seitdem wir Angst und Furcht genauer unterscheiden, sehen wir in der Furcht gleichsam die Angst, die keinen bestimmten Gegenstand hat und darum leicht zur kopflosen, lähmenden Angst wird. Dem gegenüber bezieht sich die Furcht auf bestimmte Gefahrenquellen. Manchmal haben wir einfach Angst, ohne dass wir genau sagen könnten, warum und wovor. Darum empfinden wir uns in der Angst oft so hilflos. Bei der Furcht weiss ich, wovor ich mich fürchte. Darum kann der Furchtsame leichter fliehen oder sich verstecken als der Ängstliche. Allerdings ist es keineswegs leicht, die Furcht genauer zu verstehen. Schon beim blossen Wort lassen uns die Sprachforscher im Stich. Sie sagen, die Herkunft des Wortes sei ungesichert. Am ehesten könne man an Gefahr und riskieren denken. Trotz der ungewissen Wortherkunft ist der Wortschatz der Furcht gross. Uns ist nicht nur «angst und bange»; wir leben auch in «Furcht und Zittern». Ein furchtbares Unglück weckt unser Mitleid. Ein fürchterliches Ereignis lässt uns entsetzt sein, selbst wenn wir weder «Tod noch Teufel fürchten». Umso mehr fürchtet der Teufel das Weihwasser. Schon bei der Angst haben wir gesehen, dass sie als Ergänzung zum Lebensmut eine auch positive Aufgabe besitzt. Noch stärker trifft dies bei der Furcht zutage. Zur Furcht gehören auch Gottesfurcht und Ehrfurcht. Allerdings darf uns die Gottesfurcht keinesfalls eine Höllenangst einjagen. Vielmehr ist Gottesfurcht die Ehrfurcht vor dem unfassbaren Geheimnis Gottes. Für uns Christen ist es vor allem die Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Liebe, die uns menschlich von Jesus Christus geschenkt wurde. Weil aber Jesus auf Gottes Weise Mitmensch und Mitgeschöpf wurde, sollten wir jeden Menschen in seiner Würde achten und jedes Geschöpf in seinem Eigenwert schätzen und nicht als Wegwerfware behandeln. Begreiflich, dass gerade die Furcht ein Grundthema auch der Heiligen Schrift ist. Die Wörter Furcht und fürchten begegnen uns nur schon im Neuen Testament 95 Mal. Immer wieder fürchten sich Menschen vor der Grösse und Erhabenheit Gottes; und immer wieder lässt uns Gott verstehen, dass wir uns vor ihm nicht zu fürchten brauchen. Dreimal sagen es die Engel. Erstmals sagt es der Engel dem Zacharias (Lk 1,13). Ein zweitesmal sagt es der Engel der Jungfrau Maria (Lk 1,30). Und zum drittenmal sagt es der Weihnachtsengel den Hirten (Lk 2,10). Am deutlichsten kommt die Gottes- und Menschenfurcht in den Ostergeschichten zum Ausdruck. Da erscheint am Ostermorgen der Engel des Herrn. Im Matthäus-Evangelium heisst es: «Vor Furcht erbebten die Wächter und wurden wie Tote (Mt 28,4).» Mit ihnen spricht der Engel nicht. Sie bleiben ihrer Furcht überlassen. Zu den Frauen aber sagt er: «Fürchtet euch nicht (Mt

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