baldeggerjournal

5 28,5).» Ganz kann der Engel den Frauen die Furcht nicht nehmen. Denn Matthäus fährt fort: «Mit Furcht und grosser Freude liefen die Frauen zu seinen Jüngern (Mt 28,8).» Die Furcht ist also noch da; aber die Freude ist grösser. Die eigentliche Furchtgeschichte bietet indes das Markus-Evangelium mit seinem Schluss. Er hat den Schriftgelehrten viel Kopfzerbrechen verursacht. Das MarkusEvangelium hat nämlich einen doppelten Schluss. Es scheint, dass ursprünglich das Ende des Evangeliums lautete: «Die Frauen flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen, und sie sagten niemandem etwas. Denn sie fürchteten sich (Mk 16,8).» Das Ende des Evangeliums ist also die Furcht. Fürchtet euch nicht Das Ende mit der Furcht konnte nicht befriedigen. Daher fügte man schon bald einen Nachtrag hinzu. Jetzt überwinden die Frauen ihre Furcht und gehen – wie in den übrigen Evangelien – zu den Jüngern, um ihnen die Freude der Osterbotschaft zu bringen. Was könnte uns die Geschichte mit dem Markus-Schluss lehren? Vielleicht, dass die Botschaft der Engel allein nicht immer genügt. Es ist der Herr selber, der uns die Furcht nehmen muss und nimmt. So sagt er schon dem Petrus nach dem wunderbaren Fischfang «Fürchte dich nicht» (Lk 5,10). Erst recht sagt Jesus den furchtsamen Christen von damals und auch uns von heute: «Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben» (Lk 12,32). Gott selbst mit seiner tröstlichen Gegenwart muss uns die Furcht nehmen. Er ist und bleibt bei uns. Aber es gilt, diese Wahrheit des Glaubens menschlich zu vermitteln und selber zu erfahren. Trefflich bringt es eine kleine Kindergeschichte vom fürchterlich dunklen Schlafzimmer zum Ausdruck. Regine Schindler hat sie uns aus der Erfahrung mit den eigenen Kindern erzählt: «Znacht, wänn t’Mueter usegaat und de Mond am Himel staht, isch’s im Zimmer nöd so schön, wil ich nume Schatte gsehn. Ich mein, im Bode seig en Grabe und mer fali de dri-n-abe. Aber ’s hät bestimmt käs Loch. Ich weiss es – und i fürch mi doch. Liebe Gott, bliib Du bi mir! Liebe Gott, ich tanke Dir!» Ich habe einmal in der Klosterkirche von Baldegg über dieses Kindergedicht gepredigt. Im Klosterkafi sagte mir eine Schwester, sie erzähle mir jetzt zu dieser Geschichte einen Witz. Für mich enthielt dieser Witz eine tiefe Wahrheit vom Fürchten. Darum erzähle ich heute den Witz nicht als Witz, sondern als Wahrheit. Danach kam die Mutter selbst zu mir und sagte: «Das Gebet ist gut. Aber es hilft nicht immer. Ich habe auch mit meiner kleinen Ursula so gebetet. Eine halbe Stunde später sucht sie doch Zuflucht bei mir im Bett. Ich tadelte sie: Ich habe dir doch deutlich gesagt, dass der liebe Gott im Schlafzimmer ist. Meine kleine Ursula erwiderte: Das weiss ich schon. Aber der liebe Gott hat keine Haut.» Diese Hautnähe hat Jesus den Menschen vermittelt. Er hat nicht nur gesagt: «Fürchtet euch nicht!» Er hat auch die Kinder in seine Arme genommen und sie gesegnet (Mk 10,16). Wir sind keine Kinder mehr. Aber Hautnähe brauchen wir zeitlebens, und zwar nicht nur in der Palliativpflege. Denn wir haben Angst vor der ungewissen Zukunft. Wir fürchten uns vor den Stürmen der Gegenwart. Wir sehen Gespenster.Vielleicht kommt uns sogar Gott selbst gespenstisch vor. Darum sollen und dürfen auch wir wie die Jünger beim Seesturm die Stimme des Herrn hören: «Habt Mut! Ich bin es! (Mk 6,50).»

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