baldeggerjournal

6 Kloster Baldegg Da lebte einmal ein junger Mann, der unfähig war, sich zu fürchten. Nichts vermochte ihn zu erschüttern. Furchterregende Ereignisse liessen ihn kalt. – Schliesslich gelang es der Königstochter, ihn von diesem emotionalen Mangel zu heilen. (Dieses Märchen eignet sich nicht für Kinder.) Sich fürchten hilft, eine drohende Gefahr zu erkennen und sich darauf einzustellen, statt blind ins Unglück zu laufen. – Sich vor einer Aufgabe fürchten und sie trotzdem in Angriff nehmen, zeugt von Charakterstärke. Im Märchen Das tapfere Schneiderlein fürchtet sich der kleine Wicht bestimmt vor dem Riesen, aber er lässt es sich nicht anmerken. Er markiert Stärke, indem er auf seinen Gürtel hinweist, auf dem zu lesen ist: «Sieben auf einen Streich», was den dummen Riesen glauben macht, es handle sich um sieben Gegner, die das Schneiderlein mit einem einzigen SchwertSr. Fabiola Wolf, Baldegg streich umgebracht habe. (In Wirklichkeit waren es sieben Fliegen!) Hundekenner sagen, es sei nicht ratsam, einem fremden Hund gegenüber Angst zu zeigen. Er merke am Verhalten der Person, dass sie sich fürchtet, und so wage er es unter Umständen, sein Gegenüber anzugreifen. Im Märchen Die Alte im Wald entkommt ein armes Mädchen den mordenden Räubern, weil es «aus Angst aus dem Wagen sprang und sich hinter einem Baum verbarg». – Auf sich selbst gestellt, sucht das Mädchen seinen Weg und bekommt Hilfe. Kinderängste sollen, wie wir wissen, ernst genommen werden. Manchmal hilft es, wenn sich ein Kind mit einer Märchenfigur identifizieren kann. – Als besonders geeignet erachte ich solche Märchen, bei denen nicht ein Einzelner der Gefahr gegenüber gestellt ist, sondern dass sie zu zweit – oder in einer Gruppe sich zu bewähren haben. Beispiele: Der Wolf und die sieben jungen Geisslein, Hänsel und Gretel, Der Fundevogel. (Alle erwähnten Märchen sind aus der Sammlung der Brüder Grimm) Häufiger als in den Volksmärchen ist in den Sagen die Rede vom Fürchten. Sagen sind lokal verwurzelt. Sie spiegeln magisches Denken. Solche Überlieferungen gibt es in allen Gegenden der Schweiz. Es sind oft Deutungen von Ereignissen, die sich einmal zugetragen haben. Beispiel: In der Sage Der unerschrockene Sumvixer wird von einer verrufenen Alp erzählt, die bewirtschaftet wird, obwohl dort nie ein Mensch zu sehen ist. Diesem Spuk setzt ein mutiger Mann ein Ende, indem er sich dem «Geist» stellt und eine Prüfung besteht. Der Unerlöste sagte, er müsse «umgehen», weil er seinen Herrn erschlagen habe. Er wird erlöst und die Alp mit ihm und der Furchtlose wird ihr Besitzer. In Legenden überwinden Menschen mit Gottvertrauen das Böse, z.B. Ritter Georg den Drachen, der Hl. Franziskus zämt den Wolf von Gubbio usw. Übereinstimmend gilt für alle diese Überlieferungen, dass nur durch Wegbegleiter und Helfer das lähmende Fürchten überwunden werden kann. Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen Beispiele aus der Volksliteratur

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