baldeggerjournal

7 Theater spielen gegen Ausweglosigkeit und Resignation Wenn man in einer Stadt lebt, in die während fast vier Jahren von den umliegenden Hügeln geschossen wurde, in der man auch 21 Jahre später noch immer an Häuserruinen vorbeigeht und auf «Blutrosen» tritt (mit rotem Harz markierte Einschläge von Granaten, die Menschen getötet haben), erwartet man vielleicht, dass Furcht vor Gewalt und Krieg den Alltag der Menschen bestimmt. Dem ist nicht so. Bosnien und Herzegowina ist ein recht sicheres Reiseland. Die Hoffnung auf den Aufbau einer multikulturellen demokratischen Zivilgesellschaft von Muslimen, Orthodoxen, Katholiken, Juden, Atheisten beflügelte viele kreative Initiativen und Projekte und liess namhafte internationale Geldquellen fliessen. Doch davon ist wenig übrig geblieben. Diskriminierendes Verhalten, allgegenwärtige Korruption und veraltete Traditionen schränken die Lebensmöglichkeiten der Menschen ein, ohne dass jemand dafür verantwortlich gemacht werden kann. Tiefe Resignation durchdringt die Gesellschaft, die Angst vor Ausweg- und Sinnlosigkeit treibt vor allem junge Menschen in mediale Scheinwelten oder zur Abwanderung ins Ausland. Was das im Alltag bedeutet, stellten zehn Jugendliche durch ein Theaterstück an unserer Konferenz im September 2016 zum Thema «Wir eröffnen neue Wege in eine gesunde Zukunft» dar. Über 150 Teilnehmer/innen, junge Menschen, Fachkräfte der Jugend- und Gesundheitsförderung sowie Behördenvertreter kamen zusammen, um sich mit der Notwendigkeit und den Möglichkeiten von Suchtprävention und Jugendarbeit als staatliche Aufgabe auseinander zu setzen. Die schwarz gekleideten Jugendlichen verstecken ihr Gesicht hinter einer grossen Foto mit schwarzen Augenbalken, als sie die Bühne betreten. Auf zwei Leinwänden werden Filmszenen und Bilder eingeblendet, die ihre Erfahrungswelt vor Augen führen, eine Scheinwelt von Alkohol, Drogen, Glücksspiel, Rauchen, Tabletten, Internet, Sex, Junkfood, Medien. Langsam drehen sie sich im Kreis, lesen mit monotoner Stimme ihre Biografie vor, erzählen, wie Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Suchtverhalten, Schulversagen, Gewalt in der Familie, Ausgrenzung und Vorurteile in der Gesellschaft ihre Träume und Wünsche zunichtemachen. Im gemeinsamen Elend rücken die Jugendlichen näher zusammen und beginnen, ihre Wünsche und Träume zu artikulieren. Gemeinsam wenden sie sich nun an eine Politikerin, die lässig in ihrem eleganten Sessel sitzt. «Wir brauchen ein Jugendzentrum, wo sich alle treffen können.» «Reichen Sie ein schriftliches Gesuch ein», lautet die uninteressierte Antwort. Mit hängenden Schultern geht die Jugendliche weg. Der nächste kann sich eine spezielle ärztliche Untersuchung nicht leisten. «Reichen Sie ein schriftliches Gesuch ein.» Und so geht es weiter. Alle diese realen Bedürfnisse von jungen Menschen, von der Sanierung des defekten Turnhallenbodens, dem Gespräch mit korrumpierten Lehrpersonen, dem Stipendium für das Studium, Freizeitangeboten in der Gemeinde, Finanzierung von Schulbüchern, einem Reisebeitrag für einen internationalen Sportwettbewerb bis zur Sr. Madeleine Schildknecht, Bosnien besseren Beheizung der Schule, werden abgeblockt und hinterlassen ein Häufchen geknickter Menschen. Das Publikum reagiert betroffen, die Szenen sind aus dem Alltag gegriffen. Der bürokratische, von der Politik bestimmte Apparat erstickt Initiativen in der Wurzel. Wieder tritt ein Politiker auf. Er widersetzt sich der Versuchung, die Macht für seine eigene Bereicherung zu nutzen. Er wendet sich an die Jugendlichen und ermutigt sie: «Wehrt euch, ihr habt ein Recht auf eure Träume und Wünsche.» Zögernd stehen die jungen Menschen auf. Sie betrachten die eingeblendeten Szenen und Fotos aus unseren Projekten, auf denen Kinder und Jugendliche miteinander spielen, lachen, singen, helfen, wandern, Sport treiben, Natur erforschen, kreativ und künstlerisch tätig sind, lernen, feiern. Davon lassen auch sie sich anstecken, immer freier bewegen sie sich im Rhythmus der Bilder, bis daraus ein freud- und lustvoller Tanz wird. In anschliessenden Gruppengesprächen diskutierten Jugendliche und Vertreter/ innen des politischen Systems über die Botschaft des Theaterstücks und setzten durch respektvolles Aufeinanderhören den ersten und wichtigsten Schritt aus der Ausweglosigkeit um: Die Jugendlichen überwanden ihre Furcht vor Autoritäten, und die Erwachsenen bemühten sich, die junge Generation ernst zu nehmen.

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