baldeggerjournal

8 Kloster Baldegg 1. Wir sind bis heute noch belastet mit jahrhundertealten Fehlinterpretationen In Deut 6,12-15 finden sich jene Sätze, die in den unterschiedlichsten Abwandlungen und theologischen Interpretationen über Jahrhunderte dazu beigetragen haben, den Menschen «das Fürchten vor Gott zu lehren». «Den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten, … denn der Herr, dein Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Der Zorn des Herrn, deines Gottes, könnte gegen dich entbrennen …» Im Namen solcher «Gottesfurcht» wurden Generationen von Christinnen und Christen dazu erzogen, gehorsam zu sein gegenüber Gott und in der Folge auch gegenüber den durch die Kirche vermittelten Geboten. Und sie haben diese Gebote zu befolgen versucht, und bei jeder Übertretung gezittert aus Furcht vor einem strafenden Gott. Vor einem Gott, über den zwar gesagt wurde, dass er die Menschen liebe, der aber doch dargestellt wurde als ein Gott, den man lieber nicht «auf die Probe stellen» sollte. Zur Furcht davor, den eifersüchtigen Gott zu beleidigen, gesellte sich die Furcht vor dessen Strafen, die nach Aussagen der theologischen Fachleute in ewiger Verdammnis und in einer als Folterkammer geschilderten Hölle endigen könnten. Und schliesslich schürten Predigten und pastorale Diskurse über Jahrhunderte und noch bis in jüngere Zeit die Furcht vor einem menschenfeindlichen und überall als Verführer gegenwärtigen Teufel. Angesichts eines solchen Erbes ist es nicht verwunderlich, wenn die damit geschürten Ängste bis heute vor allem in Menschen der älteren Generation noch gegenwärtig sind. Sie als grundlos zu erweisen, soll in den folgenden Ausführungen versucht werden. Dabei ist als erstes klarzumachen, dass die biblische Rede von der «Gottesfurcht» im Verlauf der Jahrhunderte einen grundlegenden Bedeutungswandel durchlief. In einer ersten Verständnis-Ebene, die sich vor allem in archaischen oder machtideologisch geprägten Texten des Alten Testamentes findet, bedeutet der Begriff wirklich ein archaisches Erschaudern vor dem erschreckenden Anders-Sein des Göttlichen. Dazu in der Folge dann auch die Angst des Sünders vor der strafenden Macht der Gottheit. Schon in einer nachfolgenden zweiten Verständnis-Ebene, die sich bereits in den jüngeren Texten des Alten Testamentes findet, aber wandelt sich die Bedeutung des Begriffs. Er meint nun nicht mehr das Sich Fürchten vor Gott, sondern vielmehr eine Haltung der Verehrung Gottes. Aus dieser Haltung heraus, sucht der Mensch, das Böse zu meiden und stattdessen das Gute zu tun. Eine dritte Bedeutungs-Veränderung erfährt der Begriff schliesslich in den Texten des Neuen Testamentes. Nun meint er vor allem eine Haltung der Anbetung und Bewunderung angesichts der überwältigenden Tatsache eines Gottes, der Mensch wurde und der sich in seiner Menschwerdung vor allem und in erster Linie den Sündern, den Versagern und den Schwachen zuwandte. Eines Gottes auch, der diese Sünder nicht ausschloss und verdammte, so wie es die herrschende Tempel-Institution verkündete. Stattdessen nahm er sie auf und gab ihnen neue Hoffnung und neues Vertrauen in einen Gott der Barmherzigkeit; einen Gott, der den alten Schuldschein des sündigen MenProf. Dr. Renold Blank, Zofingen Sich weder fürchten vor Gott, noch vor Hölle und Teufel

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