baldeggerjournal

9 schen zerreisst, statt ihn strafend einzufordern (vgl. Kol 2,14). 2. Gott will geliebt und nicht gefürchtet werden Gott ist nicht daran interessiert, die Menschen einzuschüchtern, sondern daran, dass sie ihn lieben! Jemanden lieben aber ist nur möglich, wenn man sich vor ihm nicht fürchtet. Furcht und Liebe nämlich schliessen sich gegenseitig aus. Nun aber hatten die Menschen seit Urzeiten gegenüber den von ihnen verehrten göttlichen Mächten ein Verhältnis, das vorwiegend geprägt war von Angst angesichts der Unberechenbarkeit jener Mächte. Um sie zu besänftigen oder milde zu stimmen, ersannen sie verehrende Praktiken, Lobgesänge und Opfer. Ausprägungen dieser Haltung finden sich auch in der Religion des alten Israel. Dort wurden sie vor allem in den letzten Jahrhunderten vor Christus schrittweise noch verstärkt durch hunderte von Geboten und Verboten. Deren Befolgung wurde gefordert im Namen Gottes, und deren Nichtbeachtung beinhaltete zum Teil drakonische Strafandrohungen, ebenfalls formuliert durch die Priesterschaft jener Gottheit. Die Konsequenz war ein weitgehend von Furcht geprägtes Gottesverhältnis der Menschen. In dieses System hinein nun will Gott Mensch werden. Dabei aber ist er mit einer ganz spezifischen Schwierigkeit konfrontiert. Er will geliebt werden und nicht gefürchtet. Wie aber soll er dies den Menschen in einem weitgehend von Furcht geprägten religiösen Kontext deutlich machen? --- Nur vor dem Hintergrund dieser Problematik wird das verständlich, was wir als das Geschehen von Weihnachten feiern. Gott wird Mensch; aber er wird es nicht mit den Attributen seiner Allmacht und Herrlichkeit. Diese hätten den Menschen primär Furcht eingeflösst; genau dies aber will Gott offensichtlich nicht. Darum wird er Mensch als hilfloses Kind; und dazu noch als Kind eines machtlosen Paares, irgendwo aus den Randbezirken des Reiches. Vor einem solchen Kind fürchtet sich kein Mensch! Ein solches Kind kann man lieben! Man kann es in die Arme nehmen und an sein Herz drücken. Dies aber ist es, was Gott wünscht, und darum erscheint er als liebenswertes, kleines und schutzloses Menschenkind. Diesem können sich die Herzen der Menschen vorbehaltlos öffnen. Vor ihm brauchen sie sich nicht zu fürchten. Stattdessen können sie es mit übervollem Herzen lieben. Und genau das ist es, was Gott will. Geliebt werden von den Menschen und nicht gefürchtet. Das ist seine grosse und beglückende Offenbarung, die er uns im Weihnachtsgeschehen vermittelt. Und gleichzeitig macht er auf nicht mehr überbietbare Weise klar, dass er selber all dies unternimmt, weil er seinerseits die Menschen liebt. 3. Wenn aber Gott die Menschen derart liebt, dann braucht sich auch keiner dieser Menschen mehr vor Teufel oder Hölle zu fürchten Der durch das Erscheinen des menschgewordenen Gottes vollzogene Paradigmawechsel wird weitergeführt und deutlich sichtbar auch im weiteren Verhalten Jesu: Der Fundamentaltheologe und Religionsphilosoph Eugen Biser fasst ihn mit den folgenden Worten zusammen: «Der Schatten des Angst- und Schreckenerregenden aus dem traditionellen Gottesbild wird beseitigt und auf seinem Grund das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters sichtbar gemacht …». 1 Solche Veränderung aber behagte den Vertretern der damaligen Ordnung nicht. Sie nämlich gründeten ihre Macht nicht zuletzt auf der Verkündigung eines strafenden Gottes, den es zu fürchten galt und vor dessen Zorn einzig sie im Namen ihrer Autorität und Vollmacht zu befreien vermöchten; so sagten sie. Und ähnlich wurde in der christlichen Religion, nachdem diese sich einmal als Macht etabliert hatte, über viele Jahrhunderte weiter argumentiert. Jener Gott, der sich in Jesus manifestiert hatte als jener, in dem sich die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, endgültig und unwiderruflich manifestiert (vgl. Tit, 3,4), wurde nur allzu oft wieder dargestellt als strafender und verurteilender Richter. Und um den Menschen die zu erwartenden Strafen möglichst eindrücklich und nachhaltig vor Augen zu führen, wurde auch in der christlichen Katechese jahrhundertelang mehr von der erschreckenden Möglichkeit einer Verdammnis zu ewiger Höllenpein gesprochen, als von der immer wieder bedingungslos verzeihenden Liebe eines Gottes, der «will, dass alle Menschen gerettet werden …»(1 Tim 2,4). Die Furcht vor dem Teufel beherrschte über Jahrhunderte die religiöse Geisteswelt der Menschen. Carlos Roberto Nogueira, Professor der Universität von São Paulo, drückt diese Tatsache in schonungsloser Klarheit aus, wenn er schreibt: «In den Kirchen predigte man über die Qualen der Hölle, und die Straf-Fantasien der kirchlichen Vertreter verbreiteten Furcht und Schrecken.»2 Zwar wurde seit dem 2. Vatikanischen Konzil damit begonnen, den jahrhundertelangen Rückfall in eine durch Machtansprüche motivierte Drohbotschaft zu überwinden. Deren Auswirkungen aber sind in vielen Menschen noch feststellbar. Und in vielen anderen haben gerade sie eine explizite Abwendung von der Botschaft dieser Kirchen bewirkt. Ihnen allen aber, sowohl jenen, die sich immer noch um ihr Seelenheil ängstigen als auch den anderen, die sich enttäuscht und empört von einer Religion entfernt haben, die versuchte, «sie das Fürchten zu lehren», kann mit den Worten von Kardinal Walter Kasper versichert werden: «Gottes Allmacht zeigt sich …vor allem im Schonen und Verzeihen. Sie ist die Allmacht seiner Liebe und Barmherzigkeit.» Und all jenen, die immer noch fürchten, auf Grund des Wirkens irgendwelcher böser Mächte in Gefahr zu stehen, ihr ewiges Heil zu verfehlen, muss mit Nachdruck wieder in Erinnerung gerufen werden, was der Apostel Paulus in prägnanter Klarheit wie folgt formuliert: ... weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen noch andere gottfeindliche Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Himmel noch Hölle; Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes ... (Röm 8,1;8,31-39). 1 Eugen Biser, Das Christentum als Religion der Angstüberwindung, in: E. Möde (Hrsg.), Leben zwischen Angst und Hoffnung, Regensburg, S. 179. 2 Carlos Roberto F. Nogueira, O Diabo no imaginário cristão (Der Teufel in der christlichen Vorstellungswelt), São Paulo, 1986, S. 66) Prof. Renold Blank, Dr. theol und Dr. phil, ist emeritierter Titularprofessor der Päpstlichen Theologischen Fakultät von São Paulo, Brasilien, an welcher er 28 Jahre lang lehrte.

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