6 Kloster Baldegg «Wir wollen keine Barmherzigkeit, wir wollen Respekt» Kürzlich habe ich diese Aussage gelesen. Sie kommt von Menschen, die sich in ihrer Art zu leben nicht angenommen fühlen, die sich – besonders von der Kirche – ausgestossen und verachtet vorkommen. In der deutschen Sprache hat das Wort Barmherzigkeit einen schwierigen Stand. Es wird oft als herablassend empfunden. In den lateinischen Sprachfamilien hingegen ist «Misericordia» geläufig und akzeptiert. Wie schön, dass Papst Franziskus ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat. Es dauert bis Ende November 2016 und soll helfen, uns über die Barmherzigkeit Gottes zu freuen und über die Barmherzigkeit unter uns Menschen nachzudenken. Papst Franziskus sagt: «Die Kirche ist nicht auf der Welt um zu verurteilen, sondern um den Weg zu bereiten für die ursprüngliche Liebe, die die Barmherzigkeit Gottes ist.» Trauen wir Gottes Barmherzigkeit, vertrauen wir auf sie, trauen wir Gott die Barmherzigkeit zu? Es tut gut, zuerst das Wort Barmherzigkeit und seine Bedeutung in unseren Wortschatz und in unser Leben zurückzuholen. Barmherzigkeit ist grösser und ist mehr als Respekt Der Wunsch, «wir wollen keine Barmherzigkeit, wir wollen Respekt», hat mich zum Nachdenken angeregt. Ich bin zur Einsicht und Überzeugung gelangt, dass Barmherzigkeit viel umfassender und ganzheitlicher ist als Respekt. Respekt allein kann kühl, formell, distanziert, herzlos sein. Die respektvolle Begegnung Sr. M. Martine Rosenberg, Baldegg eines barmherzigen Menschen hingegen ist warm, bejahend, aufrichtend, liebevoll. Sie überwindet die Distanz. Sie schenkt Nähe, Verstehen, Annahme, Anteilnahme, Wertschätzung. In der Barmherzigkeit ist alles enthalten, was dem Mitmenschen gut tut. Sie ist die schönste Form der Liebe. Nicht nur respektvolle Akzeptanz, Rücksichtnahme und Diskretion, auch ganzheitliche Aufnahme, Hilfsbereitschaft und Hingabe. Richtig verstandene und gelebte Barmherzigkeit hat nichts Erniedrigendes oder Herablassendes an sich. Sie nimmt jeden Menschen in seiner Würde und mit seinem Leben mit tiefem Respekt und aus ganzem Herzen an. Die Barmherzigkeit öffnet das Herz für alle Der barmherzige Mensch verurteilt nicht, er vergibt und schliesst niemand aus. Er hat ein besonderes Herz für Elend und Not. Er ist beseelt von aufrichtendem und heilendem Erbarmen. Echte Barmherzigkeit bleibt nicht beim Empfinden und Mitfühlen stehen. Ein barmherziger Mensch zeigt seine Anteilnahme, seine Zuwendung und Bejahung durch Worte, Gesten und Taten. Er handelt der Andersartigkeit und Hilflosigkeit gegenüber mit warmherziger Liebe. Die Barmherzigkeit ist die höchste Form der Liebe. Sie gibt sich selbst. Sie ist die wichtigste Eigenschaft Gottes und das grösste Geschenk an uns Menschen. Der barmherzige Gott Die ganze Bibel spricht von der barmherzigen Liebe Gottes. Gott gibt nie einen Menschen auf. Seine Barmherzigkeit ist grösser als jede mögliche Sünde. Gottes Barmherzigkeit lehrt uns, dass wir nicht richten sollen. Die Barmherzigkeit Gottes geht über das Christentum hinaus. Sie verbindet uns mit den Gläubigen aus dem Judentum und dem Islam. Auch für sie ist die Barmherzigkeit eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes. Die Seiten des Alten Testamentes sind voll von der Barmherzigkeit Gottes. Im Islam heisst der Schöpfer auch Allerbarmer und Allbarmherziger. Wenn wir der Barmherzigkeit Gottes trauen, wenn wir uns ihr anvertrauen, fällt es leichter, den Mitmenschen gegenüber barmherzig zu sein. Das ist ein Weg, der glücklich macht. Der Barmherzigkeit Gottes trauen
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