5 «Fide, sed cui, vide!» Soweit so gut. Aber was sind die Gründe, die mich nicht blind, sondern vernünftigerweise vertrauen lassen? Vier Gründe sind denkbar. Der erste Grund ist die eigene Erfahrung. Ich kenne einen Menschen seit Jahr und Tag. Immer, auch in schwieriger Lage, hat er sich als zuverlässig erwiesen.Auf Grund dieser Erfahrung traue ich ihm auch weiterhin. Das ist das erfahrene Vertrauen. Der zweite Grund ist gegeben, wenn ich die Treue eines Menschen zwar nicht selber erfahren habe, aber wenn sie mir von vertrauten Freunden bezeugt wird, welche ihrerseits die Treue dieses Menschen erfahren haben. Das ist das bezeugte Vertrauen. Der dritte Grund führt zum kalkulierten Vertrauen. Ich weiss genau, ein anderer Mensch weiss ebenso genau, er habe im Falle eines Vertrauensbruches mit schlimmsten Folgen zu rechnen. Hinter diesem kalkulierten Vertrauen steckt die Einsicht: Sich vertrauenswürdig zu verhalten, lohnt sich. Vertrauensbruch ist fatal. Der vierte Grund, einem Menschen zu vertrauen, ist die Alltagserfahrung. Tagtäglich erfahren wir nämlich, dass wir gar nicht leben können, ohne einander grundsätzlich zu trauen. Daher traue ich einem Menschen solange, als mich nicht ernsthafte Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit eines Menschen nötigen, misstrauisch zu sein. Das ist das auf Vorschuss geschenkte Vertrauen. Es beruht auf der Unschuldsvermutung. Sie bedeutet, dass nicht nur das Vertrauen, sondern auch das Misstrauen beweispflichtig ist. Hineinfallen können wir immer. Dagegen ist endgültig kein Kraut gewachsen. Nicht umsonst mahnt Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht «Zwielicht»: «Hast du einen Freund hienieden, / Trau ihm nicht zu jeder Stunde, / Freundlich wohl mit Aug und Munde, / Sinnt er Krieg im tückschen Frieden.» Dennoch fallen wir weniger oft hinein, wenn wir von der Vertrauenswürdigkeit der Menschen ausgehen, als wenn wir grundsätzlich immer und jedem misstrauen. Es bleibt somit dabei: Zu trauen lohnt sich im Alltag. Auch heute bei allen Skandalen in Wirtschaft und Gesellschaft. Im Mittelalter musste der Koch vor den Augen des Königs vom Vorkostetisch essen, damit sich der König davon überzeugen konnte, dass die Speisen nicht vergiftet seien. Dieser Vorkostetisch hiess als Tisch der Glaubwürdigkeit Kredenztisch. Heute gehen wir in fast jedes Restaurant, essen und trinken ohne Prüfung auf das Geratewohl hin und fahren meistens gut damit. Es schmeckt. Der Kredenztisch hat sich in die Kirche zurückgezogen, damit der gestrenge Herr Pfarrer den Überblick hat und sich vergewissern kann, was die lieben Ministranten und Ministrantinnen mit Brot und Wein angerichtet haben. Traulich und so hold Ein solches vertrauenswürdiges Restaurant bietet gewiss auch unsere Klosterherberge. Überzeugen Sie sich wieder einmal selbst. Wir haben gut gegessen und brav getrunken. Gut gelaunt und wohlgenährt, ziehen wir uns auf unser Zimmer zurück. Wir treten ans Fenster. Es ist Abend geworden. Ruhig liegt der Baldeggersee. Das Vogelgezwitscher nimmt ab. Jetzt könnte und sollte uns Matthias Claudius mit seinem Abendlied in den Sinn und ins Herz kommen: «Wie ist die Welt so stille / Und in der Dämmrung Hülle / So traulich und so hold! / Als eine stille Kammer / Wo ihr des Tages Jammer / Verschlafen und vergessen sollt.» Die Welt ist stille, und die Dämmerung ist nicht beängstigend, sondern traulich. Die Sterne stehen am Himmel: und ein Vater hat sie alle gezählt. Darum beten wir: «Gott, lass uns dein Heil schauen, / Auf nichts Vergänglich’s bauen, / Nicht Eitelkeit uns freun!» Dann dürfen wir auf dieser Erde getrost und getröstet «wie Kinder fromm und fröhlich sein!»
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