4 Kloster Baldegg Trau, schau, wem? Warum trauen und nicht vertrauen? Vielleicht, weil im einfachen Wort trauen der Gedanke einerseits von Gefährdung und Wagnis, andererseits von tapferem Wagemut und fester Sicherheit mitklingt. Im uns geläufigeren Wort vertrauen sind diese Nebenbedeutungen verhallt. Nehmen wir ein Beispiel: Ich traue mich über eine schwindelnde Brücke. Die schwindelnde Brücke ist eine Gefahr. Man könnte selber in Schwindel geraten und abstürzen. Darum ist der Gang über die schwindelnde Brücke ein Wagnis. Aber ich bin (fast) sicher, dass ich der Gefahr gewachsen bin, weil ich mir die Fähigkeit zutraue, auf schaukelnder Brücke das Gleichgewicht zu behalten. Das Wagnis wird noch kleiner, wenn ich einen Begleiter habe, dem ich über den Weg traue. Ich traue ihm zu, dass er mir notfalls helfen kann: und ich vertraue darauf, dass er mir notfalls auch helfen will und helfen wird. Derart traue ich im Selbstvertrauen mir und meiner Kraft, und ich traue dem anderen, weil ich ihm zutraue, dass er mir freundlich gesinnt ist. Mit dieser doppelten Sicherheit traue ich mich sogar durch den stockfinsteren Wald. Aber wie kommt es, dass unser Wort trauen mit Festigkeit, Stärke und Sicherheit zu tun hat? Dr. P. A. Ziegler SJ, Zürich Vom Teer zur Treue Ganz im Hintergrund des Wortes trauen steht der Baum. Die indogermanische Wurzel ist «deru». Sie bedeutet Baum oder genauer Eiche. Das entsprechende griechische Wort heisst «dory». Es bedeutet Baumstamm, Holz, Speer. Die lateinische Entsprechung heisst «durus», hart, stark, rau. Das Trauen und Vertrauen beginnt also damit, dass etwas so stark ist wie eine Eiche. Die Wurzel «deru» kann sich nun geistig oder materiell weiterentwickeln. Im materiellen Sinne entstehen daraus die Wörter Trog oder Truhe als hölzerne Gefässe. Das wichtigste Wort indes ist Teer. Es ist die aus Kohle, Torf oder Holz gewonnene zähflüssige braune bis tiefschwarze klebrige Masse. Sie war ein unentbehrliches Hilfsmittel beim Schiffsbau der seefahrenden Germanen. Die Schiffe wurden geteert und dadurch wasserdicht gemacht. Und der Teergeruch stieg in die Luft. So sagt denn Rilke in einem Gedicht über Venedig, der Admiral habe noch während der Nacht Schiffe bauen lassen, «um schon die nächste Morgenluft zu teeren mit einer Flotte, strahlend und fatal». Oder die meist kecken Berliner spotten: «Männeken, du musst deinen Kragen mal wieder frisch teeren, das Weisse schimmert schon durch!» Im geistigen Sinne entstehen aus der Wurzel «deru» Wörter wie treu, trauen, Trost. Treu heisst wörtlich «stark, fest, hart wie ein Baum». Trost ist das, was mir in Elend und Trübsal innere Festigkeit verleiht. Trauen heisst entsprechend «festwerden». Und wenn man der Treue des anderen so vertrauen darf, dass man ihm zutraut, es mit einem auf dem schwankenden Steg des Lebens ein Leben lang auszuhalten, dann traut man sich, sich trauen zu lassen. So kommt es zur Trauung, der schönsten und tiefsten Form wechselseitigen Zutrauens und Vertrauens. Trau, schau, wem? Gewiss, die Trauung ist als öffentliche Kundgabe versprochener lebenslänglicher Treue zweier Menschen die Hochform des Trauens. Aber ist dieses Vertrauen nicht blind? Nicht umsonst sprechen wir vom blinden Vertrauen. Deshalb mahnt Schiller in seinem Gedicht «Die Glocke»: «Drum prüfe, wer sich ewig bindet / Ob sich das Herz zum Herzen findet!» Die protestierenden Studenten der sechziger Jahre sagten: «Trau keinem über Dreissig!» Zeitlos und allgemein gibt die Redensart zu bedenken: «Trau, schau, wem!» Lateinisch begegnet sie uns schon im Mittelalter:
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