3 Trauen - Mut zum Risiko Ehemalige Ready – Set – Go! Das Signal rechts von der Tür wird grün. Was um Himmelswillen tue ich hier? 3500 m über Grund, umringt von viertausend Meter hohen Bergen sitze ich, einem jüngeren Berner Kantonspolizisten auf den Schoss geschnallt, auf dem Trittbrett eines Fallschirmspringer-Flugzeugs hoch über den verschneiten Bergen des geliebten Engadins. Die Füsse baumeln in der Luft. Bevor wir auf kopfvoran ins Nichts springen, erlebe ich einen Moment der Angst. Blanke Panik Trauen bedeutet eine positive Erwartung in eine an sich risikobehaftete Entscheidung zu stecken. Einen alten Zustand, die (vermeintliche) Sicherheit des Bekannten, zu verlassen zugunsten eines erhofft positiven Wechsels ins Neue. Die Risikobereitschaft erhöht die Chance auf einen Gewinn an Lebensfreude, Beziehung, Erfahrung, Geld. Ohne Vertrauen, ohne Wagen, ohne sich zu trauen gäbe es keinen Fortschritt und keine Entwicklung. Jede Reise ins Unbekannte, in eine andere Kultur, in eine neue Sprache birgt ein Risiko. Sie bedingt das Verlassen des Vertrauten. Eine neue Sprache zu sprechen bedingt den Mut zum Fehler, das Risiko des Falsch- oder gar nicht Verstandenwerdens oder des nicht, oder falsch Verstehens. Wenn wir umgekehrt hier, bei uns zu Hause die Sprache des Gastes sprechen, seine Kultur kennen, vermitteln wir Vertrauen; denn der Fremde fühlt sich akzeptiert, er vertraut uns. Daraus entsteht Verständnis und eventuell Freundschaft und Frieden. Unsere Zeit ist geprägt von Passwörtern. Mein Schlüsselbund und die damit einhergehende Verantwortung wiegen schwer. Für alles gibt es einen Vertrag, vieles braucht eine notariell beglaubigte Unterschrift. Normal ist, dass nicht vertraut wird. Wer traut wem? Wo traue ich, auf Handschlag, oder einfach so? Was hilft mir, jemandem zu trauen, mich auf jemanden einzulassen? Wie gehe ich mit der Enttäuschung um, wenn mein Vertrauen missbraucht wird? Gelingt es mir trotzdem, mich wieder neu auf Unbekanntes einzustellen? Ich wünsche uns allen mehr Mut, die bekannten Wege und Kulturen zu verlassen zugunsten einer positiv zuversichtlichen Hoffnung. Es ist nie zu spät, eine fremde Sprache zu lernen oder einen Ausflug in eine neue Kultur zu wagen. Lasst uns versuchen, mit wenigen Worten das Gegenüber im Zug anzusprechen, in den Ferien an einen neuen Ort zu reisen. Wenn wir den Blickwinkel wechseln, die Berge von oben betrachten, den Flüchtling begrüssen, dann verliert manches seine furchterregende Grösse zugunsten einer beglückenden, freudig-frohen Begegnung. Losgelöst von allem geniesse ich den berauschenden Ritt des freien Falls und die Aussicht in die Winterwelt am Schirm. Es ist, als würden mich die Gipfel umarmen. Sanft schwebend nähert sich die Erde. Als die Füsse wieder Boden finden, falle ich nicht einmal hin. Unspektakulär empfängt mich der Alltag. Beglückt und um die Erfahrung bereichert, alles hinter mir zu lassen und trotzdem wohlbehalten, getragen und beschützt in der Realität zu landen, gehe ich meines Wegs. Marlis Olsen-Häfliger (www.wortfenster.ch) besuchte das Primarlehrerinnenseminar in Baldegg (PLS 91).
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