baldeggerjournal

2 Auch ein Stift kann Das Thema «stiften» stiftet Unruhe. Schon die Wörter um das «Stiften» können Verwirrung stiften. Erst recht macht das Stiften unruhig, zumal wenn die Stiftung eine fromme Stiftung sein sollte. Was also hat es mit dem Stiften auf sich? Der Stiftsschüler ist kein Stift Das Wort «stiften» ist unbekannter Herkunft. Es könnte zur Wortgruppe «steigen» gehören und damit «auf eine Unterlage stellen» oder genauer «ein Bauwerk mit Holzpfählen errichten» bedeuten. Heute heisst «stiften» allgemein: Ich bewirke oder verursache etwas. Genauer genommen hat «stiften» zwei Bedeutungen. Zum einen heisst es: Ich stelle grössere Mittel bereit zur Errichtung oder Förderung von etwas. Zum anderen drückt es aus, dass ich etwas bewirke, was in der Zukunft andauern soll. In diesem Sinne sprechen wir vom Friedensstifter, aber auch von dem, der Unheil oder Verwirrung stiftet und vielleicht auch andere dazu anstiftet. Der «Stifter» stiftet etwa in diesem Sinne ein Kloster. Das Kloster heisst dann «Stift». Die Kirche ist eine Stiftskirche und die Klosterschule eine Stiftsschule. Da hat einmal ein Württembergischer Fürst namens Wilhelm in Tübingen ein Stift begründet, das als «Wilhelmsstift» viele hervorragende Männer besucht haben. In Tübingen nannten die Leute die Schüler kurzweg «Stiftler». Aber diese Stiftler sind keineswegs «Stifte». Der «Stift» als Lehrling – vor allem im ersten Lehrjahr – hat mit dem Stiftler in Tübingen nichts zu tun. Dieser Stift hat mit dem Bauhandwerk zu schaffen. Dort ist der Stift ein länglicher, zugespitzter Gegenstand oder ein Nagel ohne Kopf. Von diesem Wort leitet sich der Bleistift oder der Stiftzahn her und eben auch unser Stift, den man sich als jungen länglichen Menschen vorstellte, der von seinem Fach noch nicht viel im Kopf hatte und daher von seinem Lehrmeister erst zugespitzt werden musste. Die Sprachkundler vermuten, dass der Stift mit «steif» zusammenhängt und auf das lateinische Wort «stipes» zurückgehen könnte, das Pfahl oder Stamm bedeutet. Am interessantesten ist die Wortwendung «stiften gehen». Es bedeutet etwa: Ich verschwinde unauffällig, ich setze mich ab, ich laufe weg. Die Herkunft des Ausdrucks ist – laut Duden – trotz aller Deutungsversuche unklar. Manche denken an «stieben». Ich laufe so schnell weg, dass der Staub aufwirbelt, und es stiebt. Jedenfalls begegnet uns das Wort in der Gaunersprache und in der Soldatensprache des Ersten Weltkrieges. Eines ist klar: Der Stift im Bleistift oder der Stift im Lippenstift kann wegen des Gleichklangs des Wortes mit dem Stift als Lehrling Verwirrung stiften. Halten wir darum fest: Der Stift als Lehrling ist kein Stiftsschüler. Eine Stiftung ist keine Aktiengesellschaft Wenn ich etwas stifte und es nicht nur eine Flasche Wein in fröhlicher Runde ist, dann errichte ich eine «Stiftung». Was ist das Entscheidende bei einer Stiftung? Das Entscheidende ist die enge Verbindung zwischen Stifter, Stiftung und Stiftungszweck. Bei einer Aktiengesellschaft bestimmt die Mehrheit der Aktionäre über das Schicksal der Gesellschaft. Sie können den ursprünglichen Zweck der Gesellschaft verändern. Schliesslich sind sie als Aktionäre – je nach Anteil – Eigenstiften (gehen) Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich Gedanken zum Stiften Kloster Baldegg

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