baldeggerjournal

4 Kloster Baldegg «Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche». Hl. Franz von Assisi Ist es so einfach? Hilft die «Prioritätenliste» des Hl. Franz von Assisi, Überforderung vermindern? Oder ist sie in diesem Zusammenhang eher eine Provokation? Es stimmt: die vielen Anforderungen des Alltags bedingen, dass wir Prioritäten setzen. Wer kennt nicht das Gefühl, zu wenig Zeit, nicht mehr genügend Kraft für die gestellten Anforderungen zu haben? Eine objektive Überforderung, die Tatsache, dass die nötigen Fähigkeiten oder Ressourcen nicht genügen, um die Anforderungen zu erfüllen, ist meist feststell- und oft veränderbar. Die subjektive Überforderung, das Empfinden von Überforderung, das Gefühl, überfordert zu sein, ist komplexer. Sind es doch Erwartungen, insbesondere Rollenerwartungen, die hier ein wesentliches Element bilden. Welches sind meine Erwartungen? Welche Anforderungen stelle ich an meine Mitmenschen und an mich selbst? Wo kann, wo muss ich etwas verändern? Solche Fragen stelle ich mir, wenn ich das Gefühl habe, überfordert zu sein. Und dann beginnt die Arbeit bei mir selber. Sie erfordert vor allem, dass ich ehrlich mit mir bin, mich frage: ist meine Überforderung objektiv? Überschätze ich mich? Was kann ich zur Veränderung beitragen? Jeder Mensch muss herausfinden, was ihm persönlich hilft, nicht überfordert zu sein. Ich kann nur von mir selber reden. Als Ordensfrau schöpfe ich meine Kraft bewusst aus der Beziehung zu Gott. Diese schenkt mir tiefe innere Zufriedenheit. Zufriedenheit befreit und setzt Kräfte frei, die ich mir vielleicht selbst nicht zutraue. Das Bewusstsein, dass eine solche Erfahrung Geschenk ist, macht dankbar. Deshalb ist es mir wichtig, die Kraft, die mir aus der Gottesbeziehung geschenkt wird, einzusetzen für die mir gestellten Aufgaben. So gesehen hat die «Prioritätenliste» des Hl. Franz v. Assisi eine besondere Bedeutung für mich. Sie ist mir eine Art Lebensprogramm: «Tu erst das Notwendige» heisst für mich unter anderem, bewusst im Augenblick leben. Wenn etwas Unerwartetes meine Pläne durchkreuzen will, mich fragen, was ist jetzt von mir gefordert? Was tut in dieser Situation not? Es ist nicht immer einfach, die eigenen Pläne hintanstellen zu müssen. Es erfordert: weniger ICH, mehr DU. «Dann das Mögliche» tun, alles in meinen Kräften stehende, meine Verantwortung wahrnehmen, indem ich meine Fähigkeiten und Ressourcen – wo möglich – einbringe. «Plötzlich schaffst du das Unmögliche.» Dies liegt nicht in meiner Hand, aber wenn ich das scheinbar Unmögliche als Anruf Gottes verstehe und in diesem Sinn «ja» zur Herausforderung sage, kann es sein, dass die scheinbare Überforderung eine zu bewältigende Herausforderung wird. Es geht nicht um die Frage, warum, sondern wozu? Wozu sage ich «ja»? Zur Erfüllung eines Auftrages, von dem ich glaube, dass Gott ihn für mich bestimmt hat, auch wenn ich den Auftrag jetzt nicht begreife. Ich bin überzeugt, dass jede Aufgabe zu einem grösseren Ganzen beiträgt. Und eines weiss ich: Gott überfordert nicht. Er liebt uns und gibt uns die nötige Kraft und Freude, wenn wir uns vertrauensvoll auf seine Herausforderungen einlassen. Sr. Nadja Bühlmann, Baldegg

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