baldeggerjournal

12 es sind gegen siebzig. Dann kommt das Grossraumbüro und die Fabrik, unzählbar; und jede Maschine hat stets ihren guten Zweck – und ihre Forderungen! Eine dominante Maschine ist das Auto. Als Mitfahrer wundere ich mich jedesmal, wie viele Forderungen es an die Person am Steuer stellt, abgesehen von den unzähligen Tafeln am Strassenrand, die ihre Forderungen so auffällig rufen wie nur möglich. Greife ich zur Zeitung, gerate ich in einen Wald von Forderungen. Auf der Frontseite das Bild und der Balkentitel, vom Chefredaktor gewählt, der mir zuruft: Das musst du lesen! Ich blättere weiter, neue Seiten, neue Titel, neue Aufforderungen. Einmal bleibe ich stehen und lese den «lead»; er unterstreicht die Forderung des Titels. Am Ende, wie viele Aufforderungen sind es gewesen? Viele, zu viele. Glücklicherweise hat die Zeitung ein Ende. Mein Kollege sagt: «Aber das Internet ist endlos. Ich schaue am Abend noch rasch auf den Bildschirm – und schon hat’s mich. Ich hangle von link zu link, es ruft mich das und das und ruft mich immer weiter, uferlos, bis über Mitternacht.» Ja, wir haben uns an den technischen Fortschritt gewöhnt und – unbemerkt – auch an seine Forderungen. SH Dazu kommt die Werbung, der Konsum überhaupt. Und nicht zuletzt die alltägliche Berufsarbeit; sie ist voller Aufforderungen, verpackt in perfekte Organisation, flächendeckende Kontrolle, alles im Dienst reibungslosen Funktionierens. Zwei Meinungen – ein Thema Zwei Lichter erhellen das Nötigste Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH) im Gespräch mit P. Werner Hegglin (PH) nicht alles, aber SH «Zuviel ist zu viel! Es ist einfach zu viel. Und es ist fast immer und in allem zu viel. Das ist ein lähmendes Lebensgefühl. Ich verstehe nicht, wie das geworden ist. Und das in den besten Frauenjahren. Was mache ich denn falsch? Ich will besser verstehen, was da los ist; aber dazu brauche ich eine Aussensicht. Hätten Sie einen Termin für mich?» Dieser An–Ruf fand sich so in meiner Mailbox. Er traf mich ganz seltsam, kannte ich doch diese Person von ihrer starken, kompetenten Seite her, wenn auch nicht persönlich. So im ersten Schnelllesen sprang mich das Etikett ‚überfordert’ an. Doch beim fragenden Wiederlesen merkte ich bald, dass dieses modische Un-Wort hier nichts, gar nichts zu erhellen vermag. Es greift zu kurz. Dieselbe Situation lässt sich bekanntlich von unterschiedlichen Standpunkten aus «gerechter» sehen. Was fällt dir dazu ein? PH Wie wär’s, wenn wir, statt vom Überfordern, zuerst von jenem geheimnisvollen Fordern reden würden, das unser Leben ausfüllt, ohne dass wir es besonders bemerken? Wir leben in einer technischen Zivilisation, ohne Zweifel. Ich frage einen Kollegen, wieviele Werkzeuge und Maschinen er in seiner Küche habe. Er erzählt, und ich zähle; Nur keine Pannen, keine Fehler! Auch daran haben wir uns unbemerkt gewöhnt. Von den vielen, meist unausgesprochenen Forderungen unserer Beziehungswelten ganz zu schweigen! Dieses «sich unbemerkt gewöhnen» trifft einen empfindlichen Nerv der Sache. Gute Gewohnheiten sind ja Gold wert, das wissen wir aus Erfahrung; sie entlasten, geben Halt, schonen unsere Energien, machen Zusammenleben erst möglich. Eben: sie lassen uns gut in unserer Haut wohnen. Aber diese sich unbemerkt einschleichenden «Gewöhnungen» an laute oder hinterlistig leise Forderungen unserer Alltagswelt – beruflich und privat – sind lebensfeindlich. Sie wirken wie Sand im Getriebe, Spaltpilze sind Energiefresser. Sie engen ein, stumpfen ab, entfremden uns von uns selbst. Wir führen dann nicht mehr Regie in unserm Denken, Wollen und Erleben. Und so wird alles zu viel: die eigenen Kinder, das Familienleben, sogar die Freunde; aber auch das Turnen am Abend, das Singen im Chor, das Spielen im Orchester und das belebende Lesen. Wir darben auch noch kulturell. Die ganze Konsumwelt mit ihren Versprechen und Verlockungen wird zur Bedrohung. Und die nicht verplanten Zeiten bleiben gähnend leer. Das kann es nicht sein! Wann immer ich auf solche Situationen treffe, stellt sich mir die alte Frage neu: Wie kann der Mensch von heute sich selber, sein Menschsein finden in der

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