10 SEGEN UND FLUCH DES JAMMERNS Jammern und klagen Sie oft und ausgiebig? Ist es Ihnen ein Bedürfnis, Ihrem Schmerz, Ihrem Leid oder Ärgernis Ausdruck zu geben? Vielleicht haben Sie selber noch gar nie bewusst auf Ihr Verhalten geachtet. Es könnte aber sein, dass Ihre Bezugspersonen Ihre Tendenz zu Klagen und Jammern klar wahrnehmen. Menschen jammern aus den unterschiedlichsten Gründen. Suchen die einen durch ihr Jammern beim Mitmenschen Trost, Verständnis und Anteilnahme zu erwecken, kann es für andere ein Mittel sein, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und aus der Vergessenheit aufzutauchen. Jammern und Klagen sind meist auf ein Du ausgerichtet, sei dies der Mitmensch, Gott oder gar die ganze Welt. Jammern will etwas über den eigenen Zustand ausdrücken; will beim Gegenüber Aufmerksamkeit, Mitgefühl oder Betroffenheit auslösen. Für die heutige Psychologie kann es sich aber beim Jammern um einen viel weiter reichenderen Prozess handeln, um eine eigentliche therapeutische Verarbeitung. Die sogenannte «narrative Psychologie» hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, was denn eigentlich geschieht, wenn der Erzähler seinem Gegenüber Einblick in ein Geschehen oder in seine Gefühle und Gedanken gibt. Die diesbezüglichen Untersuchungen haben gezeigt, dass Auswahl, Inhalt, Form und Abfolge einer Erzählung oder einer Klage kaum zufällig sind. Je nach Zuhörer verändern sich die Elemente, einige werden hinzugefügt oder weggelassen, anders betont und besonders dargestellt. Durch das Erzählen findet ein Perspektivenwechsel statt, und ein neues Gesamtbild entsteht. Vorwiegend unbewusst wird versucht, mit dem Gesagten eine ganz bestimmte Wirkung zu erzielen. Es geht darum, ein spezifisch auf den Empfänger ausgerichtetes Bild der eigenen Person oder der Geschehnisse zu schaffen. Bei diesem Prozess des Darstellens wird angestrebt, den andern nicht nur auf intellektueller, sondern auch auf emotionaler Ebene zu erreichen. Dieses Bedürfnis der Mitteilung kann mit den verschiedensten Erwartungen in Zusammenhang stehen, sei es dass man Verständnis, Mitleid oder Aufmunterung sucht, sei es dass man Hilfe oder Unterstützung erwartet. Handelt es sich beim Klagen auch darum zu zeigen, dass man den erlittenen Verlust nicht akzeptieren kann, trägt das Jammern unter anderem dazu bei, angestaute Emotionen abzureagieren. Bei den kommunikativen Prozessen, die sich dabei vollziehen, geht es noch um weit mehr. Ähnlich wie bei der Erzählung, oft jedoch noch viel intensiver und stärker, setzt sich der Mensch in Jammer und Klage mit seinen eigenen Gefühlen, Nöten und Ängsten auseinander. Indem er versucht, sich dem andern möglichst intensiv mitzuteilen, ordnet er das, was er dem Andern anvertrauen will, zu einem neuen Ganzen. Durch veränderte Perspektiven und Zusammenhänge wandeln sich seine eigenen Gefühle, entstehen Assoziationen, werden andere Akzente gesetzt. Der Prozess des Neuordnens ist gleichzeitig eine Gelegenheit zur Verarbeitung. Schmerz, Leid, Ärger, Neid, Angst und Unsicherheit können aufgearbeitet werden. Klagen alte Leute oft über die Schlechtigkeit der heutigen Welt, ist dies nicht selten Ausdruck ihrer existentiellen Ungeborgenheit in einer pluralen Welt ohne absolute Sicherheiten. Jammern und Klagen werden so zum Versuch, der innern Not Herr zu werden und die tiefgründigen Ängste zu verarbeiten. In bestimmten Fällen kann dies auch in Form einer beinah rituellen, mantra-ähnlichen Wiederholung der Klage stattfinden, die dem Leidenden durch Repetition Erleichterung verschaffen soll. Wie aber reagiert die heutige Gesellschaft auf solche Versuche, psychische Not zu verarbeiten. In Ansätzen, wie wir sie etwa in der narrativen Psychologie finden, werden die entstehenden therapeutischen Möglichkeiten oft positiv genutzt. Sie können dem Menschen helfen, sich in einem Prozess der Katharsis von Altlasten zu befreien und neue Lösungen und Perspektiven zu finden. Andererseits jedoch hat die heutige Gesellschaft vermehrt Mühe, mit Menschen umzugehen, die ihren Schmerz öffentlich zum Ausdruck bringen. In früheren Zeiten spielten Jammer und Klage besonders in südlicheren Gefilden oft in Form religiöser und profaner Rituale eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Zusammenleben. Heute werden sie zusehends tabuisiert, es ziemt sich nicht, seinen Schmerz öffentlich zu zeigen. Im Gefolge einer falsch verstandenen positiven Psychologie, ist es in der heutigen Gesellschaft angesagt, dass man konstruktiv mit seinen Sorgen und Nöten umgeht, gute Miene zum bösen Spiel macht und niemanden mit seinem Jammern und Klagen behelligt. Das Sterben findet möglichst in der Anonymität statt, Trauer und Verzweiflung bei Beziehungsverlusten sind nur kurzfristig gesellschaftsfähig. Jene, die sich nicht an diese ungeschriebenen Spielregeln halten, Kloster Baldegg Prof. Dr. Christiane Blank, Zofingen
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