11 werden rasch ausgegrenzt oder als lästig empfunden. Zugegeben, es ist nicht einfach, Eltern zu pflegen, die verbittert über ein scheinbar sinnloses Leben hadern. Es ist nicht leicht, mit einem Ehe- oder Lebenspartner zusammenzuleben, der ständig nörgelt und klagt, und dem man nichts recht machen kann. Und genauso schwer fällt es den Eltern heranwachsender Teenager, deren oft beissende Kritik zu ertragen und das destruktive Klagen über alles, was ihnen geboten wird. Dass sie es dennoch tun, zeigt einmal mehr die Geduld der Liebe auf. Aber es verdeckt nicht die Tatsache, dass gesellschaftlich die Akzeptanz von Trauer, Jammern und Klagen weitgehend fehlt. Der Druck, dauernd positiv und konstruktiv mit jeder Lebenslage umzugehen, führt dazu, dass Probleme verschleiert werden. Der Prozess ihrer Verarbeitung findet nicht statt, und dadurch verschärfen sich unterschwellig die Spannungen. Es sind oft die Stillen, Unauffälligen, jene, die sich nie beklagt beeinflusst. Ein Mensch etwa, bei dem im Allgemeinen eine pessimistische Weltsicht überwiegt, kann zu einer konstruktiveren Sicht- und Handlungsweise gelangen. Dieser psychische Prozess ist nicht einfach und braucht in gewissen Fällen auch therapeutische Hilfe. Er führt dazu, dass Probleme angegangen, verarbeitet und konstruktiv bewältigt werden. Positive Psychologie will nicht verschleiern, sondern neue Perspektiven eröffnen und sie konstruktiv nutzen. Trauerverarbeitung ist unbedingt angesagt, der Schmerz soll ausgedrückt werden dürfen. Gleichzeitig ist es jedoch notwendig, dass blockierende Mechanismen aufgelöst, alternative Lösungsansätze gefunden werden und der Mensch einen neuen konstruktiven Zugang zu Welt und Mitmensch findet. In diesem Zusammenhang nun hat das Klagen eine wichtige therapeutische Funktion. Es soll helfen, eine Katharsis herbeizuführen. Es wäre kontraproduktiv, wenn sich diese Klage als undifferenzierte destruktive Grundhaltung festsetzen würde, die in Resignation, Hoffnungslosigkeit, Bitterkeit und sozialer Isolation endete. Der Mensch kann selbst sehr viel dazu beitragen, konstruktiv mit den Widrigkeiten dieser Welt zurechtzukommen. Es gilt, die Erstarrung und die Fixierung in der Opferrolle zu durchbrechen und den Mut zur Suche nach neuen Perspektiven und Lösungsansätzen zu finden. Dabei können sowohl die Ausdrucksformen jahrhundertealter Klageformen, die Ansätze einer modernen Psychologie, auch die religiöse Hoffnungsbotschaft unseres Glaubens hilfreich sein. Gott ist mit uns, wer sollte dann gegen uns sein! haben, die plötzlich durchdrehen und ganze Familien auslöschen oder ihre ahnungslosen Arbeitskollegen umbringen. Die Anliegen der positiven Psychologie sind durch ihre falsch verstandene Popularisierung zur Karikatur geworden. Die Absichten der ursprünglichen Verfechter eines positiven Ansatzes zur Lösung psychischer Probleme waren ganz andere. Martin Seligmann, einer der Pioniere und Hauptvertreter der Positiven Psychologie, brachte die grosse Wende. Er propagierte schon in den 90er-Jahren, dass als Therapieansatz bei psychisch Kranken nicht allein ihre Probleme im Fokus der Arbeit stehen sollten, sondern ihr ganzes Potential an Möglichkeiten, über das jeder Mensch verfügt. Im Verlaufe seiner Studien zeigten Seligmann und seine Mitstreitenden klar auf, dass der Mensch nicht von vornherein genetisch weitgehend festgelegt ist. Die genetischen Vorgaben werden durch die Interaktion mit dem Umfeld und die Einflussnahme der Person als entscheidungstreffender Akteur stark Christiane Blank, Dr. theol, lic.phil und dipl. Psych. ist emeritierte Professorin der Päpstlichen Theologischen Fakultät von São Paulo, an welcher sie 25 Jahre lang lehrte. Im Weiteren war sie Gastprofessorin am theologischen Institut der Salesianer-Universität sowie an anderen theologischen Fakultäten. Sie ist Spezialistin in EheTheologie, Logotheorie, sowie in der Frage der Religiösität des postmodernen Menschen. Dazu hat sie mehrere Publikationen veröffentlicht.
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=