baldeggerjournal

12 Kloster Baldegg Wer klagen kann – muss nicht jammern … Wie über Franziskus und das Jammern schreiben? Franziskus und Jammern passen irgendwie nicht zusammen, obwohl er in seinem Leben viel gelitten hat, an Leib und Seele. Ohne zu jammern hat er etwas zum Thema zu sagen, zwar nicht mit Worten, aber mit seinem Leben. Aber davon später … Wer klagen kann – muss nicht jammern … «Ja, ist denn klagen und jammern nicht dasselbe?», so fragen wir uns im Blick auf diese Überschrift. Offenbar nicht, denn wer klagen kann – muss nicht jammern. So soll dieser Text ein Plädoyer fürs Klagen und eine Absage ans Jammern werden. Anhand von zwei Texten möchte ich den Unterschied zwischen Klagen und Jammern etwas genauer anschauen. Jammern Das erste Beispiel ist der Refrain eines Liedes und lautet so: «Geh‘ mir weg mit deiner Lösung sie wär‘ der Tod für mein Problem jetzt lass‘ mich weiter drüber reden es ist schliesslich mein Problem.» (Annett Louisan) Ein typischer Jammertext! Jammerer geniessen das Jammern. Sie kultivieren das Problem. Sie kreisen um sich, bemitleiden sich selbst. Sie möchten nicht, dass sich etwas verändert, weil sie dann keinen Grund mehr zum Jammern hätten. Jammern ist folgenlos, wirkungslos und hört daher nie auf. Es genügt sich selbst, aber hilft niemandem. Klagen Ganz anders das Klagen! Dazu möchte ich einen Text aus dem Leben des heiligen Franziskus anfügen: Zwei Jahre vor seinem Tod kam Franziskus schwer krank und augenleidend nach San Damiano. Er verweilte da in einer kleinen Zelle aus Holz und geflochtenen Matten. Seine Augen konnten am Tage das Sonnenlicht und nachts den Schein des Feuers nicht mehr ertragen. So hielt der Bruder sich dauernd im Dunkeln auf. Seine Augenkrankheit verursachte Tag und Nacht solch grausame Qualen, dass er weder ruhen noch schlafen konnte. Doch damit noch nicht genug: Die Zelle und das Haus der Brüder, in dem er lebte, war dermassen von Mäusen bevölkert, dass sie auf ihm herumtanzten und ihm jede Ruhe nahmen. Als Franziskus eines Nachts ruhelos lag und über seine Qualen nachdachte, betete er mit weinendem Herzen: «Gott, komm meiner Schwachheit und meiner Not zu Hilfe, damit ich meine Leiden mit Geduld ertragen kann.» Da hatte er eine Vision vom Paradies und bekam die Zusage: «Bruder, freue dich und juble in deiner Schwachheit und Bedrängnis, denn von nun an wirst du in solcher Heiterkeit und Klarheit leben, als ob du schon in meinem Reich wärest!» Am Morgen erhob sich Franziskus und sagte zu seinen Gefährten: «Mir ist inmitten meiner Schmerzen und Leiden eine unerhörte Freude geschenkt.» (aus Anonymus Perusinus) Ein typischer Klagetext! Franziskus jammert nicht. Er klagt – und zeigt uns den Unterschied zwischen Jammern und Klagen auf. Jammern kreist um sich selber – Klage ist «beziehungsbezogen», sie hat einen Adressaten. Bei Franziskus ist sie gottbezogen. Er hält Gott sein Leiden hin und bittet ihn um Hilfe, weil er glaubt, dass Gott dafür zuständig ist – und weil er möchte, dass sich etwas ändert. Klagen heisst hier: Nicht ich stehe im Mittelpunkt, sondern Gott. Er ist verantwortlich für mich und ich erinnere ihn daran. Damit wirkt die Klage befreiend, und Franziskus kann mitten in seinem Leiden Freude erfahren. Jammern bleibt bei sich selber stehen. Klagen ist von Vertrauen und Hoffnung getragen – von der Hoffnung, dass sich die Situation ändert – oder dass sich das Erleben der Situation ändert. Wagen wir zu klagen – aber jammern wir um Gottes willen nicht! Ein Antijammertext Sr. Renatea Geiger, Baldegg

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