baldeggerjournal

13 de persönlichen und sozialen Lernens gemacht. Ihr eigentliches Anliegen war es, dem ursprünglich gesunden Menschen ein Leben zu ermöglichen, in dem er gesund bleiben kann. Mit Gesundheit meinte sie weit mehr als individuelles Wohlbefinden. Es ging ihr darum, die vorgefundenen Bedingungen sozialer, ökonomischer, gesellschaftlicher, politischer Art lebensdienlich zu gestalten. Sie dachte gross vom Menschen mit seiner Verantwortlichkeit. Ich wollte, dass unsere künftigen Lehrerinnen diese Frau und ihr Konzept kennen lernten. So war ich wieder einmal mit einer Gruppe «Bald-Lehrerinnen» bei ihr im Hasliberg für einen solchen TZI-Workshop. Es war eine Gruppe, die es untereinander gerade nicht leicht hatte, warum eigentlich, wusste ich damals noch nicht. Gemeinsam wurde das Thema ausgemacht, das gehört wesentlich zum Vorgehen. Es ging irgendwie darum: «Heute noch Seminaristin – morgen Lehrerin». So genau erinnere ich mich nicht mehr. Wir sassen alle im Kreis. Ruth stellte die drei wichtigen Postulate in den Raum: Sei deine eigene Chairperson! – Störungen haben Vorrang! – Verantworte dein Tun und Lassen – persönlich und gesellschaftlich! Zu mir sagte sie, quasi nebenbei: Du als Lehrerin gehörst zur Gruppe, deine Aufgabe ist das Hinschauen. Das Ganze dauerte eineinhalb Stunden. Schon nach der ersten Halbzeit fielen mir Schuppen von den Augen. Eine kleine Gruppe innerhalb der ganzen Klasse zeigte sich eigenartig unruhig in Mimik und Gestik, wechselte unter sich rätselhafte Blicke, reagierte auf gemeldete Störungen anderer ungeduldig, ohne sich verständlich zu machen. Wie aus heiterem Himmel fiel mir ein: Hier ist Kiffen im Spiel! Noch nie vorher hatte ich diese Vermutung. Ich wusste aber eines, da darf ich nicht wegschauen. Daraus wurde eine starke Erfahrung für die direkt Betroffenen wie für mich, ohne jeden Einbezug von andern an der Schule, ohne Sanktionen, dank der Hilfe eines pädagogisch begabten Drogenfachmannes, der aus Erfahrung deut1 Hartmut von Hentig: Die Menschen stärken, die Sachen klären. 1985 2 Hilde Domin: Gesammelte Gedichte. 1987 lich sah, worum es ging. Erst kürzlich erinnerte mich eine dieser Ehemaligen daran. Starke Erfahrungen sind selten harmlos. Sie dürfen sogar für einen Moment weh tun. Aus der Erinnerung geholt, können sie beglücken. Und sie geben unserm Leben Farbe und Form, Fassung und Fülle. Hilde Domin, die grosse Lyrikerin, hat es erfahren. Wunsch Ich möchte von den Dingen die ich sehe wie von dem Blitz gespalten werden Ich will nicht dass sie vorüberziehen farblos bunte sie schwimmen auf meiner Netzhaut sie treiben vorbei in die dunkle Stelle am Ende der Erinnerung Hilde Domin2

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