12 Bildungshaus Stella Matutina Mir fallen dazu vier Erfahrungen ein, denen ich viel verdanke. Erste Erfahrung Ich ging noch nicht zur Schule.Auf unserm Hof arbeiteten damals zwei junge Burschen mit: Eugen und Peter. Wenn sie werkten, stand ich gerne dabei und schaute zu. An jenem Frühlingsmorgen spannte Eugen die Pferde an die grosse Walze und ratterte Richtung Feld; der Lärm war fürchterlich. Mich wunderte, was der mit diesem lärmenden Gerät wohl verrichten sollte. Kurz entschlossen zog ich nach. Wie ich endlich am Rand des Feldes stand, packte mich Angst und Schrecken: Die spriessende Saat war zu Boden gedrückt, buchstäblich niedergewalzt. Und Eugen walzte immer noch ruhig weiter. Ich rannte nach Hause, stürzte in die Küche – es war Znünizeit – und schrie wie am Spiess: Eugen macht das ganze Feld kaputt! Mein Vater wusste natürlich, was er Eugen geheissen hatte, und versuchte mich zu beruhigen, doch es gelang ihm nicht. Also trank er seinen Most aus und sagte: Komm wir gehen schauen! Er setzte mich auf den Gepäckträger seines Velos, und wir fuhren an den andern Rand des Feldes, wo noch nicht gewalzt war. Eben abgestiegen, bückte sich mein Vater, fasste mit Daumen und Zeigefinger eine dieser zarten, kleinen Weizenpflanzen und schon war sie mitsamt der unscheinbaren nackten Wurzel in seiner Hand, ohne Zug, ohne Widerstand. Ich war verblüfft. Doch das war der Anschauung nicht genug. Gegenüber lag ein Saatfeld, das diese Prozedur schon längere Zeit hinter sich hatte. Mein Vater, in der einen Hand immer noch die zarte kleine Weizenpflanze mit der nackten Wurzel, bückte sich wieder, fasste mit der andern Hand wieder eine dieser Pflanzen und zog sichtbar daran. Sie kam nicht auf Anhieb. Schliesslich löste sie sich vom Boden, zusammen mit einer beachtlichen Erdknolle, in die sich die Wurzeln dicht verzweigt hatten. Mit Blick auf die beiden Pflanzen sagte er nur: Schau, darum muss Eugen das machen, damit die Wurzeln Wind und Wetter standhalten. Und ich habe begriffen ohne zu verstehen, war zufrieden, ja glücklich. Zweite Erfahrung Viele Jahre danach – es war im Biologieunterricht am Seminar; wir arbeiteten im Thema Getreide – da blitzte diese längst vergessene Erfahrung in mir auf. Auf dem Anschauungstisch im Biologiezimmer waren auf Versuchstellern rechts und links junge Getreidepflanzen vorbereitet. Der Unterricht begann genau so: Die Biologielehrerin fasste zur Rechten und zur Linken eine dieser Pflanzen, hob sie hoch, hiess uns schauen und sagte: Erzählt nur, was ihr sehen könnt. In jenem Augenblick erinnerte ich mich blitzartig an jene frühe Erfahrung auf dem Felde; und diese Biologiestunde wurde zu einer meiner glücklichsten überhaupt. Dass dieses Phänomen der Verwurzelung «Bestockung» heisst und für den Bodenschluss der Pflanze wichtig ist, war nur noch Beigabe. Die Erkenntnis aber, die ich damit gewonnen habe, war eine Erkenntnis für mein Leben; und sie hat bis heute etwas von dem erdigen Wurzelgeflecht der wind- und wetterfesten Pflanze. Dieser Biologieunterricht von damals vertraute dem Hinschauen, das allem Denken und Verstehen den Boden bereitet und so «den Menschen stärkt und die Sache klärt»1, und eben bildet. Ich verdanke diesem Unterricht bis heute sehr viel: nämlich das Interesse und die Freude an den unerschöpflichen Phänomenen der Natur. Ohne diese Erfahrung hätte ich in meinem Leben viel Schönes und Liebes nicht gesehen. Dritte Erfahrung Wieder viele Jahre später, in meinem Psychologiestudium, stiessen wir – vor allem in den klinischen Fallbesprechungen – immer wieder auf die Phänomene «Belastbarkeit», «soziales Beziehungsnetz», «Verwurzelung», «Verletzbarkeit» usw. Wir übten uns im Hinschauen auf das, was sich aus dem persönlichen Erfahrungs- und Erlebensgrund des konkreten Menschen zeigt, um es so, wie es sich zeigt, gelten zu lassen. Wir schauten aber auch hin, wie das, was sich zeigt, geworden ist. Dabei trat bei all den lebensfeindlichen, krankmachenden Umständen auch das ins Blickfeld, was da leben wollte. Und um das ging es. Auf diese Weise wurde einfühlendes Verstehen. Und erst aus dieser tiefmenschlichen Haltung heraus ergaben sich lebensdienliche Interventionen, welche die ureigensten Ressourcen der Person freizulegen vermochten. Um diese Kunst des Hinschauens geht es in allem Begleiten und Beraten von Menschen und Gruppen, ja in allem menschlichen Miteinander. Vierte Erfahrung Wieder Jahre später, ich hatte das Glück, Ruth Cohn und ihrem über die Kontinente bekannten Konzept der TZI, der themenzentrierten Interaktion, zu begegnen. Konzept und Person beeindrucken mich bis heute. Diese kleine unscheinbare Frau hat die damalige Psychoanalyse aus dem Ghetto des bloss Individuellen, Privaten befreit und – gebunden an bedeutsame Inhalte und Aufgaben – zu einer MethoVom Schauen glücklich Sr. Hildegard Willi, Hertenstein
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