baldeggerjournal

3 heisst, sieht man noch heute die Insel anfangen, stotzig hinauf; und wo heute die Allmend ist, war damals See, zugeschüttet jetzt von den Bächen aus dem Pilatusgebiet. Horw, eine eindrückliche Insel! So ist es auch bei uns hier in Hertenstein. Was heute zwei Halbinseln sind, waren einmal kleine vorgelagerte Inseln. Der Trenngraben ist heute noch gut sichtbar und wer eine geologische Karte zur Hand hat, wird sehen, dass ein starker Bruch in der Erdkruste eingezeichnet ist. Und wenn wir nun schon bei den Inseln sind: Nach der letzten Eiszeit waren Küssnachter- und Zugersee zusammen und dort wo nun Goldau steht, gab es nicht nur den grossen Bergsturz des 19. Jahrhunderts, von dem wir in der Schule hörten, sondern es gab den grösseren, prähistorischen Bergsturz, der alles zudeckte; und so ist der Lauerzersee nur noch ein kleiner Rest des ursprünglichen Sees, der rund um die Rigi lag und aus der Rigi eine imposante Insel machte. Genau so ist es mit dem Bürgenstock. Wer von Vitznau aus hinüber schaut sieht ihn ohne Zweifel als Insel. Der Flugplatz Buochs ist eben wie die Luzerner Allmend; hier zugeschwemmt von der Engelbergeraa. So wird der Bürgenstock zur Halbinsel. Warum erzähle ich Ihnen all das? Erstens: weil der See, wie gesagt, wohltuend kompliziert ist, eine Insellandschaft, aus dem Gedächtnis kaum zu zeichnen. Zweitens: Die Welt ist nicht immer so gewesen, wie sie jetzt ist; Halbinseln waren einmal Inseln, und verstehen kann man die Sache nur, wenn man merkt, dass alles geworden ist und nur als Gewordenes verständlich wird. Das Simple ist auch da kein Trost. Wie hat man doch seinerzeit von einem Konfessionskrieg in Nordirland geredet, Protestanten gegen Katholiken. Simplifiziert. Es hatte mit Konfessionskrieg nichts zu tun. Und heute, im Irak, sind es die Sunniten und die Schiiten, ebenso leichtfertig vereinfacht für eilige Zeitungslesende, die solche Reizwörter brauchen, damit niemand auf die Idee kommen muss, die Wirklichkeit sei ganz anders und einiges komplizierter. Wie gesagt, ich kann die «terribles simplificateurs» nicht ausstehen und wenn sie selber sich als Tröster verstehen, dann ist es bald aus bei mir, denn solche Machenschaften klären nichts, sie vernebeln nur. Da liebe ich meinen komplizierten See, der es in keiner Weise versucht, mir eine einfache Wirklichkeit vorzugaukeln. Darum noch etwas Schwimmt ein rechtes Stück Holz vor meinem Fenster vorbei, zieht es geduldig aber stetig Richtung Luzern, dem Ausfluss des Sees entgegen. Aber Vorsicht, so einfach ist das auch nicht. Natürlich zieht die Oberfläche in der Richtung der Reuss, aber im Untergrund, da geht es rückwärts, von der Schwelle bei Stansstad geht es am Grund steil und tief hinunter in den Kreuztrichter und von dort weiter bis zur nächsten Schwelle, bei der Nas; von dort wieder hinunter in die Tiefe vor Beckenried bis zur nächsten Schwelle bei der Treib; und von dort geht die Grundströmung wieder hinunter in den Urnersee. Es ist schön kompliziert; an der Oberfläche so und im Untergrund das genaue Gegenteil. Man kann halt nicht eines Tages den ganzen See auslaufen lassen, damit der Grund sichtbar wird für alle und alle merken, wie verschieden er von der glatten Oberfläche ist. Und noch ein anderes: Als ich vor bald sechzehn Jahren hierher zog, wunderte ich mich schon im ersten Winter, dass sich am Seerand kein bisschen Eis ansetzte. Am andern See, an dem ich früher wohnte, war es stets ein schönes glitzerndes Schauspiel, wie die Eisspitzen ins Wasser hinaus wuchsen. Dann vergass ich es, bis ich mich wieder wunderte, dann einen Physiker fragte und eine ungeahnte Antwort erhielt: Am Seegrund, sagte er, ist das Wasser immer vier Grad. Wenn nun ein See, wie dieser, immer stark umgewälzt wird und das viergrädige Wasser immer auch an der Oberfläche erscheint, wird sich eben nie Eis ansetzen können. Noch einmal: Wie ist doch dieser See wohltuend vielfältig! Simplifiziertes mag ich nicht, in keiner Form, schon gar nicht als Trost. Sollte es Ihnen ähnlich ergehen, kommen Sie an den Vierwaldstättersee.

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