baldeggerjournal

4 Kloster Baldegg Trost finden in der Begegnung 1. Die Auseinandersetzung mit Schmerz und Leid «Selig sind, die da Leid tragen», heisst es bei Matthäus 5,4, «denn sie sollen getröstet werden.» Angesichts dieses Versprechens aber stellt sich die Frage, wie sich solcher Trost in der ganz konkreten Krisensituation verwirklichen lasse. Der heutige Mensch hat sichtlich Mühe, mit Leid und Schmerz umzugehen. Die Fragen nach Tod und Leben, Krankheit und Sterben, Leid und Not waren früher weit mehr als heute im täglichen sozialen Ablauf eingebettet. Der heutige Mensch aber tut sich schwer damit, ihnen zu begegnen; und ebenso schwierig ist es für viele, tröstend für den andern da zu sein. Dabei fehlt es keineswegs an gutem Willen. Vielmehr ist es eine gewisse Hilflosigkeit, die den heutigen Menschen hemmt, helfend da zu sein. In einer Zeit des Individualismus wird schnell gefürchtet, dass man dem andern zu nahe trete. Zudem fehlt auch oft die Erfahrung im spontanen und unbeschwerten sozialen Umgang. Die individuelle Abgrenzung des Einzelnen hat dazu geführt, dass man verlernt hat, dem andern offen zu begegnen und auf ihn zuzugehen. 2. Trost durch Kommunikation Gerade in Notsituationen aber wächst die Gefahr, dass sich der Einzelne isoliert und letztlich die Fähigkeit verliert, andere an seinem Leid teilnehmen zu lassen. Die zeitgenössische Psychologie hat sich intensiv mit dieser Problematik befasst. Es wurden Methoden ausgearbeitet, die dem Menschen helfen sollen, seine Sprachlosigkeit zu überwinden. Zwei der diesbezüglichen Ansätze werden im Folgenden kurz skizziert: a) Trost finden im Reden über das eigene Leid Aus einem falsch verstandenen Aktivismus heraus, meinen wir oft, es gehe beim Trösten in erster Linie darum, die Ängste und Befürchtungen des Leidenden zu beschwichtigen oder ihm mit guten Ratschlägen zu helfen, seine Probleme zu mildern. Dabei wird übersehen, dass Hilfe im Grunde immer Hilfe zur Selbsthilfe sein sollte. Im Mittelpunkt der Bemühungen müssen die Bedürfnisse des Betroffenen stehen. Um diese jedoch zu kennen, ist es nötig, dass der Leidende selber darüber spricht. Sein Reden über die eigene Not kann für ihn selbst sehr schmerzhaft sein. Gerade gutmeinende Begleitpersonen glauben daher nicht selten, solche existentielle Konfliktthemen müssten tunlichst vermieden werden. Sie bemühen sich in der Folge darum, die Sprache auf Unverfänglicheres zu lenken. Damit wird aber dem Leidenden kein Dienst erwiesen. Es ist von eminenter Bedeutung, dass die betroffene Person mit jemandem offen über ihre Sorgen sprechen kann. Der dabei stattfindende Prozess des Erzählens (Narration) beinhaltet weit mehr, als nur die Wiedergabe der Geschehnisse. Indem der Mensch seine Nöte und Ängste zur Sprache bringt, konfrontiert er sich von neuem mit ihnen. Um über sie reden zu können und um sie dem Zuhörenden plausibel zu machen, muss er sie neu einordnen. Der dabei notwendige Versuch, eine Übersicht zu schaffen und die einzelnen Prozesse zu einem verständlichen Ganzen zusammenzufügen, schafft neue Perspektiven. Indem versucht wird, das vergangene Geschehen im Prozess des Erzählens dem Zuhörenden begreifbar zu machen, verändert sich die Interpretation der Ereignisse, je nachdem welchem Zuhörer oder welcher Zuhörerin sie erzählt werden. Sie erscheinen in der Folge für beide Beteiligten in neuem Licht und gewinnen an Klarheit. Der Prozess des Erzählens erhält so eine therapeutische und heilende Funktion. In der Begegnung mit dem andern wird das Leid «mitgeteilt». Es wird begreifbarer, kann besser gedeutet und verarbeitet werden. Es zeigen sich Lösungswege, das Gefühl der Ohnmacht wird überwunden. Das bringt Trost, Hoffnung und Zuversicht und ermutigt zum autonomen Handeln. b) Beim andern Trost finden Wie kann der Leidende getröstet werden? Um diese Frage beantworten zu können, braucht der Tröstende sehr viel Einfühlungsvermögen. Es muss ihm zuerst gelingen, eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit sich die andere Person in ihrer Not überhaupt öffnet. Gerade in Krisensituationen ist dies nicht leicht. Oft haben Enttäuschung, Kränkungen und Verrat dazu geführt, dass die leidende Person sich schwer tut, wieder Vertrauen zu schöpfen. Nur ein sensibles Sicheinfühlen in die Situation und ein intensives Hinhören, schaffen die Voraussetzungen, um die Bedürfnisse des andern wirklich wahrProf. Christiane Blank, Zofingen

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=