baldeggerjournal

2 Flüchten oder Standhalten Ein solches Buch ist für mich «Flüchten oder Standhalten»1 von Horst Eberhard Richter. Erstmals erschienen 1976. Alles in allem eine eher spröde Lektüre; und doch behauptete sie sich lange Zeit auf den Bestsellerlisten ganz oben – vor der scheinbar zeitgemässeren: «Die Kunst ein Egoist zu sein». Und noch immer wird das Buch neu aufgelegt. Wenn ich es jetzt, 2010, wieder lese, ist mir, es treffe den innersten Kern des Zeitklimas heute wie damals. Und seit ich den Autor in einer «Hertensteiner Begegnung» erleben durfte, ist mir seine Kernfrage noch präsenter. Wie kann der Mensch den Mut aufbringen, seine Überzeugungen bis zum äussersten noch erträglichen Mass des Spielraums praktisch umzusetzen, den die jeweiligen Umstände zulassen? Und was bringt ihn zum Fliehen? Fliehen ist nicht gleich Flüchten Die Fähigkeit zu flüchten haben wir mit dem Tier gemeinsam: uns davon machen, wenn Gefahr droht. Täglich stürzen die Medien solche Fluchtbilder in unsere Wohnräume. Wir atmen auf, wenn wenigstens das nackte Leben gerettet wird. Dabei wird deutlich: Wer flüchtet, tut dies meist gegen seinen Willen, weil er verjagt oder vertrieben worden ist. Daher werden Heimatvertriebene Flüchtlinge genannt. Wer flieht, tut dies aufgrund eines selbst gefassten Entschlusses, entsprechend seiner Einschätzung der Gefahr. Dass dabei bewusste und unbewusste Momente mitspielen, merken wir immer wieder bei uns selbst und bei andern. Es geht beim Fliehen oder Standhalten längst nicht immer um ein Entweder-Oder. Beides können lebenstaugliche Antworten auf konkrete Situationen sein. Wo meine persönliche Situation ein Standhalten verlangt, darf ich nicht ungestraft fliehen; und wo die Vernunft mich fliehen heisst, soll ich nicht standhalten wollen. Fliehen kann lebensrettend sein; Standhalten auch. Beim Fliehen komme ich vielleicht mit einem blauen Auge davon, im Standhalten richtet Bildungshaus Stella Matutina Es gibt Bücher, die nachhaltig ins Leben hineinwirken. Sr. Hildegard Willi, Hertenstein

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