3 sich meine Person auf, um für die eigene Überzeugung grad zu stehen. Beim Fliehen engt die Angst den Spielraum ein, das Standhalten ruft die eigenen Überzeugungen und Standpunkte auf den Plan und weitet so den Spielraum aus. Wir beziehen Stellung, nehmen Risiko in Kauf. Wir alle kennen dieses gute Gefühl danach. Und doch; das Fliehen liegt der eigenen Haut meist näher und es zeigt viele Gesichter: das schmollende Anpassen, das feige Zustimmen, das oberflächliche Beklatschen, das innere Kündigen, das ängstliche Schweigen, der verstimmte Rückzug, das Abgeben von Verantwortung, die Zuflucht in Abhängigkeiten, das Ausweichen in Krankheiten, das Abtauchen in den Konsum. Der Preis dafür ist oft hoch und lässt sich nur in Raten abzahlen. Das weiss der Arzt und Psychiater Richter aus vielen Lebensgeschichten. Was aber drängt den Menschen zum Fliehen? Dieser Frage ist er jahrzehntelang nachgegangen. Die Antwort scheint simpel zu sein: die Einschüchterung. Und er fragt weiter: Wodurch werden Menschen eingeschüchtert? Richter stösst dabei auf die «Isolationsangst», eine tief im Menschen sitzende Angst, nicht dazu zu gehören. «Wir sind verletzlicher durch Isolation, als wir glauben. Aus eigener Isolationsangst verschulden wir unbewusst die Isolationsschäden anderer. Darum ist Hörigkeit kein Sonderfall, sondern ein Merkmal des durchschnittlichen Menschen.»2 Wir müssen also unsere Verführbarkeit kennen, dann stärken wir unsere Standfestigkeit. Wir können merken, was uns einzuschüchtern vermag, und können darauf antworten. Verführung 1: Sich verbeugen Menschen arbeiten im allgemeinen gerne und das nicht nur, weil Verdienst Kaufkraft bewirkt. Nein, in der Arbeit erfahren wir Wirkungen unseres Tuns; und erst so werden wir als Person wirklich. Aufgaben setzen unsere Fähigkeiten und Kräfte frei. Wir trauen uns etwas zu, gehen die notwendigen Risiken ein, der Sache zuliebe und uns zum Gewinn. In gemeinsam angegangenen Aufgaben fühlen Menschen sich zugehörig, lassen sich einbinden, sind verlässlich, setzen Schwerpunkte, kontrollieren sich selber und tragen ihren Teil an der Verantwortung. Sie gehen Schwierigkeiten lebensdienlich an und halten Belastungen stand. Solches Arbeiten macht Sinn, gibt Zufriedenheit und hält die Work-Life-Balance aufrecht. Aber dazu braucht es Bedingungen: Der angemessene Spielraum des Tuns und Lassens und der Blick aufs Ganze müssen offen bleiben. Die Kommunikation muss spielen und die Arbeitenden sind und bleiben in erster Linie Personen. Die sogenannte «effiziente Betriebsführung» hat vielerorts ganz andere Bedingungen geschaffen: Die Arbeit ist übermässig fragmentiert, standardisiert, organisiert und kontrolliert. Kurz: Der Mensch wird zum Mittel für Effizienz. Er fühlt sich nicht zugehörig, nicht ernst genommen, nicht einbezogen, nicht zuständig, immer austauschbar und darum auch nicht verantwortlich. Das kann im wahrsten Sinne lebensbedrohlich werden, weil das Personsein nicht Raum hat. Wir sind ohne Resonanz. Die Angst, nicht dazu zu gehören, nistet sich ein. Wir müssen uns fragen, was hier eigentlich geschieht? Kein Mensch genügt sich selbst. Menschen brauchen einander in der täglichen Arbeit; sie brauchen eine menschliche Atmosphäre. Und darum ist es ein Leichtes, Menschen einzuschüchtern. Wir schneiden ihnen die Luft ab, stehen ihnen vor die Sonne; wir überhören, übergehen sie, lassen sie nicht mitwissen, nicht mitdenken, nicht mitwirken, nicht mitverantworten, wir beziehen ihr Können und ihre Erfahrungen nicht ein, nehmen und geben nicht Anteil. Solche Bedingungen treiben zum Fliehen: vor sich selbst, vor seinen eigenen Erfahrungen und Überzeugungen hin zu denen, die das «Sagen» haben. Die Selbstaufgabe geschieht dabei in Raten. Die Karriere vollendet diese oft. Denn dazu gehören, bei Vorgesetzten gut dastehen, vor allem dann, wenn es schwierig wird, erweist sich als arbeitsplatzrettend oder karrieresichernd. Sich wehren unter solchen Bedingungen, setzt zu viel aufs Spiel. Sich verbeugen – sprich anpassen – rettet. Die Spesen dafür sind gross, stellen sich meist erst später ein. Verführung 2: Fliehen ins Expertenwissen Das Wort «Wissensgesellschaft» ist längst ein geflügeltes und zugleich ein arg gerupftes – und ein irreführendes dazu. Kürzlich las ich in einem philosophischen Essay: «Im Grunde genommen leben wir nicht in einer Wissens-, sondern in einer Glaubensgesellschaft. Das meiste nämlich, was wir ‹wissen›, glauben wir zu wissen.»3 Diese Einsicht schützt vor Einschüchterung. Die Fülle dessen, was unter die Rubrik «Wissen» fällt, ist uferlos. Wir aber sind beschränkte Wesen. Wir können nur das Wenigste überprüfen, kommen nicht darum herum, dem «Wissen» anderer zu vertrauen. Das verleitet zum Fliehen ins Expertenwissen. Dabei entlasten wir uns unbemerkt von einem guten Stück Verantwortung. Dass darin die Gefahr lauert, abhängig, sogar hörig zu werden, übersehen wir leicht. Um dem täglichen Wissenausstoss Stand zu halten, müssen wir lernen qualifiziert zu glauben, mit einer guten Mischung von Skepsis und Vertrauen. Wir können den Meinungen der Experten stets unsere Erfahrung entgegenhalten, die Expertise des eigenen Lebens, des eigenen Denkens, des eigenen Handelns. Flüchten oder Standhalten – diese Frage bleibt. Ich bin überzeugt: Unsere Zukunft entscheidet sich im Standhalten. 1 Horst-Eberhard Richter: Flüchten oder Standhalten. Psychosozial-Verlag Giessen 2 Hertensteiner Begegnung 2006 3 Eduard Kaeser: Der Expertenbasar. In: Pop Science. Schwabe Verlag Basel
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