5 schaute und die Atmosphäre in mich aufsaugte, kam für mich sofort der Entschluss: «Blanca, das ist es!» Auf der Autofahrt zurück nach Deutschland machte ich unterwegs einen Aufenthalt. Dort wanderte ich drei Tage lang in der Natur. Das war meine Methode, um Distanz zu bekommen und innerlich meinen Entscheid zu verarbeiten. Als ich zurück in Stetten war, sagte ich mir: «Es kommt Wahnsinniges auf dich zu: Zügeln, Abschiede, Einladungen, Erklärungen, Unangenehmes. Aber du wirst in Baldegg an einen Ort kommen, wo du aufatmen und alles ablegen kannst. Du hast die Möglichkeit, noch einmal neu anzufangen. Darauf kannst du dich freuen.» Tatsächlich wurde es eine ganz schwierige Zeit. Ich musste mich zuletzt noch mit Rechtsanwälten herumschlagen, weil man meinen Entscheid wegzuziehen, nicht goutierte und mir finanzielle und rechtliche Auseinandersetzungen bereitete. Ich bin aber ein Mensch, der mit allen Problemen fertig wird. So sagte ich mir: «Alles, was in den zwei vergangenen Jahren schwierig war, packe ich in einen Rucksack.Wenn ich nach dem Wohnungsverkauf den Schlüssel zum letzten Mal drehe, dann werfe ich den ganzen Rucksack über die Schlossmauer von Stetten. Dann ist das alles für mich vergessen, und ich beginne ein ganz neues Leben.» So ist es geschehen. Ich habe überall in meinem grossen Bekanntenkreis verlauten lassen, dass ich nun mit mehr als 80 Jahren noch einmal ein ganz neues Leben angefangen habe in einer total Frau Blanca Gantenbein, Sie haben damals als junge Frau nicht das Geschäft Ihres Vaters übernommen, sondern Ihr eigenes Unternehmen aufgebaut. Für Ihre Handelsfirma, die Grundstoffe für die Lebensmittelindustrie in aller Welt einkaufte und in der Schweiz grosse Firmen wie Hero, Nestlé und den Migros-Konzern belieferte, waren Sie sehr häufig auf Geschäftsreisen. Was bedeutet für Sie «wohnen»? Meine Geschäftsreisen führten mich tatsächlich in der halben Welt herum, oft auch in Länder, die damals noch kaum jemand besuchte oder von denen niemand sprach. Überall hatte ich Verbindungen aufgebaut, die noch heute bestehen. Darum fühlte ich mich auch unterwegs daheim. «Wohnen» bedeutet für mich aber doch mehr, nämlich entspannen in einer Atmosphäre, die ich zum Leben brauche. Die habe ich in Baldegg wieder gefunden. Vor 16 Jahren kauften Sie sich in Stetten in Deutschland eine Wohnung in einer traumhaften Seniorenresidenz, um dort Ihren Lebensabend zu verbringen. Nun hat eine Umzugsfirma Ihre Möbel dort abgeholt und sie im vergangenen Sommer in eine unserer Mietwohnungen in der Klosterherberge gestellt. Was ist passiert? Ich habe in Stetten/Hohenlohe eine wunderbare Zeit erlebt. Vieles hat sich in den letzten Jahren jedoch in einer Weise verändert, die mich belastete. So hielt ich Ausschau nach einem neuen Lebensort. Als ich mich in dieser neuen Wohnung umherneuen Umgebung, in einer Atmosphäre, die mir Sicherheit und Geborgenheit gibt, die mich trägt und die mir unwahrscheinlich viel schenkt. Ich erwache jeden Morgen glücklich. Irgendwie schliesst sich für mich der Kreis, denn ich machte mein Handelsdiplom in französischer Sprache bei den Baldegger Schwestern im Pensionat Salve Regina in Bourguillon. Was bedeutet es für Sie, wieder in der Schweiz zu sein und im Seetal zu leben? Ich habe gestaunt, wie die Schweiz sich verändert hat. Vom Alltagsleben bekam ich ja bei meinen regelmässigen Besuchen in der Schweiz nicht viel mit. Es ist nun eine interessante Erfahrung für mich, diese veränderte Mentalität zu erleben. Ich nehme sie auf, sträube mich nicht gegen sie, aber ich verarbeite sie. Das Seetal selber habe ich eigentlich nicht gekannt. Es ist wunderbar hier. Ich bin überaus glücklich in dieser Landschaft, wo ich von meiner Wohnung aus auf einer Seite den Pilatus und den Titlis und auf der andern Seite den idyllischen Baldeggersee geniessen kann. Wie leben Sie mit dem Gefühl, im klösterlichen Umfeld der Klosterherberge und des Klosters Baldegg Ihre Wohnung zu haben? Ich bin eigentlich ein meditativer Mensch. Schon vor 50 Jahren habe ich Tai-Chi und Qi Gong gemacht und Zen-Seminare bei Graf Dürkheim besucht. Aber damals durfte man im Freundeskreis noch nichts davon sagen, sonst galt man als Spinner. Ich liebe die Ruhe, die Stille, die Natur. Dass ich nun in meinem Alter in der Klosterherberge wohnen darf, ist für mich ein unglaubliches Geschenk. Manchmal kann ich es fast nicht begreifen, dass mir das so zugefallen ist. Meine Mama, mit der ich bis zu ihrem Tod immer zusammen gelebt habe, würde sich unheimlich darüber freuen. Sie würde sogar jauchzen und sagen: «O Mädi, das ist doch wunderbar, jetzt weiss ich doch ganz sicher, dass du gut aufgehoben bist.» Ich habe ein neues Leben angefangen Blanca Gantenbein, Baldegg
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