4 Einblick in eine andere Lebenswelt Klosterherberge Und dann kamen die vielen Fragen: «Wann bist du morgens aufgestanden?» «Wie alt ist die jüngste Schwester?» «Hast du auch ein Kleid und einen Schleier getragen?» «Durftest du das Kloster jemals verlassen?» «Hast du deine innere Ruhe gefunden?» «Wie oft hast du gebetet?» «Hattest du Kontakt zur Aussenwelt?» «Hat es auch männliche Personen im Kloster?» «Wie wird das Kloster finanziert?» «Wird das Kloster ausschliesslich von Klosterschwestern geführt?»… Nun, wie es dazu kam: Von der Kantonsschule Sursee, wo ich zurzeit die 5. Klasse besuche, haben wir den Auftrag erhalten, einen Sprachaufenthalt oder ein Sozialpraktikum zu organisieren. Ich habe mich für ein Praktikum im Kloster entschieden, da mich das Leben im Kloster schon länger interessiert und zugleich auch fasziniert. Am 27. September war es soweit; meine Mutter brachte mich mit dem Auto nach Baldegg. Die Fahrt verlief für mich mit gemischten Gefühlen im Bauch. Einerseits freute ich mich auf das Unbekannte, andererseits machte mir dies auch ein wenig Angst. Denn ich war mir bewusst, dass ich nun 13 Tage mit mir fremden Personen, in einer ungewohnten Umgebung, in einem anderen Alltag verbringen werde. Doch schon am nächsten Tag waren diese Gefühle wie weggeblasen. Denn die Schwestern waren sehr gastfreundlich und herzlich, das Essen schmeckte köstlich und selbst die Stille, die Ruhe war erstaunlicherweise nicht unangenehm. Nach einigen Tagen in der Klosterherberge hatte ich mich schon richtig eingelebt und alles, bis auf die Orientierung – das Kloster erschien mir anfänglich wie ein Labyrinth – verlief reibungslos. Ausserdem vermisste ich die elektronischen Geräte wie IPod, Computer etc., welche ich zu Hause gelassen habe, keine Minute lang. Auch ich habe in diesen Tagen etliche Male aufgeatmet. Denn im Leben mit den Schwestern fühlte ich mich geborgen und wohl. Abends schlief ich mit dem «Gebimmel» der Kuhglocken ein und erwachte morgens sorglos und voller Erwartung und Energie für den bevorstehenden Tag. In dieser Zeit habe ich viele Dinge gelernt wie zum Beispiel das effiziente Schnittlauch schneiden, die Betten faltenfrei und korrekt, wie in einem Hotel, zu beziehen, das kreative Denken in der Handwerkstätte, das Anwenden von Fremdsprachen, um mit den Herbergegästen zu kommunizieren, und zahlreiche andere nützliche Sachen. Spontan kommen mir auch die Velotour mit einer Schwester um den Baldeggersee oder der unterhaltsame, lustige DVD-Abend mit dem Kinohit «Mamma Mia» in den Sinn. Auch habe ich Dinge wahrgenommen, welche mir vorher nicht aufgefallen sind, und ich habe mich an den kleinen, meist unscheinbaren Dingen des Lebens erfreuen können. Zudem hat mich mein eigenes positives Denken überrascht. Leider neigten diese 13 Tage viel zu schnell ihrem Ende zu, und ich kann keineswegs sagen, ich hätte erleichtert aufgeatmet, wieder nach Hause zurückzukehren. Obwohl ich mich auf ein Wiedersehen mit meiner Familie und auf meine eigenen vier Wände freute. Auch meine Familie, erstaunlicherweise besonders mein jüngerer Bruder, hat sich gefreut, mich wieder nach Hause nehmen zu dürfen. Heute, im gewohnten Schulalltag, denke ich oft an die Baldegger Schwestern und an die zahlreichen, unvergesslich schönen Momente mit ihnen zurück. Ja, aufgeatmet haben die meisten meiner Kolleginnen, als ich am Montagmorgen wie gewohnt das Klassenzimmer betrat. Ich wurde prüfend betrachtet, ob es nicht doch ein Anzeichen dafür gäbe, dass ich mich irgendwie verändert habe, nach dem zweiwöchigen Sozialpraktikum in der Klosterherberge Baldegg. Anja Heller, Oberkirch
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