baldeggerjournal

10 Vom ersten bis zum letzten Atemzug Jetzt im Pflegeheim – so oft erlebe ich hier mit, wenn eine Mitschwester ihr Leben «aushaucht». Manchmal kaum merklich, manchmal schwer und mühsam atmend, bis zum letzten Atemzug. Ausgespannt zwischen Geburt und Tod ist unser Leben. Solange wir leben, atmen wir; solange wir atmen, leben wir. Die Atmung ist ein wunderbares Wechselspiel von Anspannung und Entspannung. Dank dem Anspannen der Atemmuskeln ist es möglich, die Luft mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff einzuatmen. Mit der Entspannung der Atemmuskeln atmen wir die verbrauchte Luft aus und werden so schädliche Stoffe los. Das Atmen geschieht von selber, wir brauchen uns nicht darum zu kümmern, brauchen es nicht zu wollen. Wir lenken uns ab, wenden uns einer fesselnden Aufgabe zu, wir wandern, tanzen, springen, arbeiten oder ruhen, wir überlassen uns getrost dem Schlaf – es atmet. Und dabei passt sich die Atmung erst noch selbstverständlich unserem Tun an. So einfach ist das! – Oder doch nicht? Wenn uns etwas «auf dem Magen» liegt, wenn wir einen «Klotz im Hals» oder die «Nase voll» haben, dann wird es schwierig mit dem Atmen. Wenn Krankheit, Sorgen und Ängste uns belasten, wenn unsere Beziehungen schwierig sind oder die Arbeitssituation uns nicht befriedigt, dann wirkt sich der ganze Stress auf das Atmen aus. Das Gleichgewicht zwischen Ein und Aus, zwischen Anspannung und Entspannung ist gestört. Unsere Verkrampfung überträgt sich auf die Atemmuskulatur, das Atmen wird oberflächlich, angespannt, gehemmt, blockiert. Unser Alltag gleicht doch oft einem Marathon, in gesunden und kranken Tagen, im Einerlei und Vielerlei des Alltags, in den Anforderungen und Herausforderungen des Lebens und nicht selten sogar in der Freizeit. Da kommt unser Atem leicht ins Stocken. Solche angespannten, schwierigen Situationen entlocken uns manchen Seufzer. Doch Seufzen tut gut! Es ist wie ein kurzfristiges Aufatmen, es erleichtert und entlastet für den Moment, es hilft zum Aushalten und Durchhalten. Wirklich aufatmen können wir, wenn eine belastende, beängstigende Situation sich löst, zum Guten wendet: eine Prüfung ist bestanden, eine schlimme Verdachtsdiagnose hat sich nicht bestätigt, ein befürchtetes Unglück ist nicht eingetreten. Aufatmen ist Ausdruck von Erleichterung, es ist eine Art Erlösung aus Angst, Kummer und Stress. Das Aufatmen macht das tiefe, befreite, gelöste Atmen wieder möglich. Tiefes Atmen entspannt und beruhigt, löst Verkrampfungen, verbessert den Blutkreislauf, regt den Stoffwechsel an und fördert das Wohlbefinden. Tiefes Atmen, Aufatmen kann eingeübt werden, indem wir uns der Atmung bewusst werden, auf sie achten, ohne sie zu beeinflussen – nicht ich atme, sondern es atmet in mir. Dies darf ich vertrauensvoll geschehen lassen und mich der Ruhe, die so entsteht, hingeben. Ich kann bewusst Gedanken und Sorgen, die auf mich eindringen und mich belasten, mit dem Ausatmen wieder loslassen. Bewusstes tiefes Atmen führt zum Aufatmen, auch in Stresszeiten. Im Staunen über die Schönheit der Natur, im Singen, durch Fröhlichkeit und Lachen – auch über mich selbst – unterstütze ich das befreite, gesunde Atmen. Das nachhaltigste Aufatmen ist für mich das Atemholen bei Gott. Ich darf mich in seinen «Atemrhythmus» hinein geben, darf mit dem Ausatmen alles Schöne, alles Schwere und Quere ihm in die Hand legen: Christus, bei dir und in dir darf ich aufatmen, leben. Du bist unser Atem zum Leben, im Empfangen und Geben. Kloster Baldegg Sr. Anna Eschmann, Baldegg Meine Gedanken wandern Jahre zurück in meine Ausbildungszeit. Wie oft habe ich im Praktikum auf der Gebärabteilung das Aufatmen junger Eltern miterlebt, wenn sie ihr eben geborenes Kindlein schreien hörten und wussten: es atmet – es lebt!

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