14 Umwege Baldegger Kurhäuser Der Tag hat nicht mehr als 24 Stunden, unsere Lebenszeit ist begrenzt, aber mit zielgerichteter Planung und einem optimierten Zeitmanagement, so heisst es, können wir unsere Kompetenzen erweitern, höher klettern und dabei sogar gesund bleiben. Denn lassen sich nicht auch die Fitness und die sogenannte Work-LifeBalance gezielt trainieren? An Kursangeboten fehlt es wahrlich nicht. Doch das Tempo ist hoch. Aufgaben in unserem privaten Umfeld kommen hinzu. Wissenschaftler beteuern zwar, das menschliche Gehirn sei derart entwicklungsfähig, dass es die wachsende Komplexität und Beschleunigung des modernen Lebens ohne Schwierigkeiten bewältigen werde. Wohlan! Meine persönliche Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass ich noch nicht so weit bin. Kopf und Körper hielten nicht mehr mit und zwangen mich abrupt zum Innehalten. Meine Kräfte waren aufgebraucht. Wohin wollte ich eigentlich? Vorerst einfach weg von allem was laut, grell und gehetzt war. In die Höhe, irgendwohin, wo ich zu Atem kommen konnte. Und so stiess ich auf das Kur- und Ferienhaus Bergruh in Amden. Die Namen enthielten viel von dem, was ich suchte: Schonung, Ruhe, Bergluft, Natur. Zudem wurde ich an meine Gymnasialzeit erinnert, als ich täglich mit der Bahn zur Schule fuhr und im «Seetaler» öfters Schwestern aus dem Kloster Baldegg zu Gesicht bekam. Hatten sie nicht freundlich in die Welt geschaut und eine besondere Ruhe ausgestrahlt? In der Tat ist dann das Haus der Baldegger Schwestern in Amden für mich zu einer schützenden Oase geworden. Bei jedem Aufenthalt darf ich Ballast abwerfen und durchatmen, es wird liebevoll und aufmerksam gesorgt. Auch Ordensschwestern erfahren wohl bei ihrer täglichen Arbeit manche Momente von Zeitdruck und Hektik. Für mich als Gast jedoch ist alles geprägt von einem wohltuend ruhigen Rhythmus. Ich erlebe echte Zuwendung. Im Gespräch, in der Therapie, in einer aufmerksamen Geste oder einem wachen Blick, immer bin ich ganz persönlich gemeint. Der sich regelmässig wiederholende, von den Schwestern immer wieder neu gelebte klösterliche Rhythmus von Arbeit, Gebet und freier Zeit bildet den festen Boden, auf dem ich selber wieder Vertrauen fassen kann. Dabei wird mir einmal mehr klar, wie grundlegend unser Verhältnis zur Zeit ist. Die Natur hat ihre eigene Zeit. So verlangt auch der Wald nahe des Kurhauses nichts von mir und gibt mir Raum für lange Umwege. Ich verlasse den Pfad, steige quer den Hang hinauf, verweile immer wieder und betrachte, was mir zufällt. Respirer, respirare. In den romanischen Sprachen wird sichtbar, wie eng verknüpft Atem und Geist sind. In diesem Bergwald, umgeben von wild aufragenden Felsblöcken und bizarren Wurzeln, atmen meine Gedanken auf.Auch sie bewegen sich alles andere als gradlinig oder zielgerichtet, sie werden leicht und schweifen frei in alle Richtungen. Umwege gehen wir oft nur widerwillig, sie können aber heilsam und befreiend sein. Sie geben uns Zeit, öffnen uns die Augen und sind im wahrsten Sinn inspirierend. Annemarie Räber, Zürich «Keine Zeit für Umwege». Mit diesen Worten wirbt eine bekannte Bildungsinstitution für ihre Ausbildungsgänge. Wer einen guten Platz auf dem Arbeitsmarkt anstrebt, soll auf effiziente Weise und in nützlicher Frist an sein Ziel gelangen.
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=