3 geschieht, wenn wir in unserem Innern merken, dass Gott vor unserer Tür steht. Tun wir ihm die Türe auf, oder lassen wir ihn weitergehen? Das ist ein innerer Vorgang. Von aussen merkt es niemand, aber wir selbst spüren es deutlich. Leider verschliessen die Menschen dann oft die Augen und versuchen, diese Erfahrung zu vergessen. Unter vielen Äusserlichkeiten ist sie zugeschüttet. Wer aber Gott in sein Inneres zulässt, der lernt etwas von ihm kennen. Gewiss, er bleibt nach wie vor verborgen. Aber etwas von ihm geht uns auf. Abraham erfuhr, dass sich Gott für ihn, für seine Frau und für seine Familie interessierte. Er machte die ungeheure Erfahrung, dass er Gott nicht gleichgültig war. Diese uralte religiöse Erfahrung können wir auch heute machen. Dann ist Gott kein ganz Unbekannter mehr für uns, obwohl sein Geheimnis bleibt. Christus kennen lernen Wir werden zu Christen von dem Tage an, da wir zu Jesus Christus sprechen und ihm unsere Person und unsere Sorgen anvertrauen. Solange wir nur an «etwas Höheres» oder an «Gott» glauben, sind wir erst unterwegs zum eigentlichen christlichen Glauben. Wie kommt es, dass wir Jesus Christus begegnen und kennen lernen? Ein Muslim, der als etwa Zwanzigjähriger Christ wurde, hat mir einmal erzählt, im Geschichtsunterricht in seinem arabischen Land sei Jesus behandelt worden. Da habe er aus Neugier ein Neues Testament in die Hand genommen, um zu sehen, was da über Jesus steht. Das habe ihn zuerst beeindruckt und dann angezogen und nicht mehr losgelassen. So entstand in ihm der Glaube an Christus. Das war ein innerer Vorgang, der sich in jedem Christen abspielt. Es geht uns auf, dass wir zu Christus beten können, weil er uns hört. So können wir ihm alles anvertrauen, was in uns ist und mit uns vorgeht. Diese Gewissheit wird uns eines Tages bewusst, und so beginnen wir, mit ihm unser ganzes Leben zu teilen mit allem, was dazugehört. Wir haben Christus kennen gelernt und verstanden, dass er uns zugetan ist. So schwer das auch zu beschreiben ist, spüren wir doch zutiefst: es ist wirklich so. Das ist die Christusbegegnung. Es geht uns dann auf, dass jede Kommunion, die wir empfangen, eine neue Christusbegegnung ist. Jedesmal wird da die Verbindung mit Christus tiefer und enger. Die Evangelien werden zum kostbaren Buch, weil es das Leben und die Worte Jesu enthält. Es wird uns zum Bedürfnis, von ihm zu lernen und ihn zu verstehen. Die Worte und Dinge, die wir da lesen und mit dem Verstand begreifen, schwingen in unserem Innern, weil wir da ja Christus anreden und seine liebe Nähe fühlen. Mitmenschen kennen lernen Im Evangelium steht das wichtigste Wort zur Begegnung unter Menschen. Dort heisst es: «Was ihr dem Geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.» Dieses Wort Jesu steht im Matthäusevangelium (Kap. 25). Grundsätzlich begegnen wir in jedem Menschen, wer er auch sei, Christus selbst! Am meisten begegnen wir ihm in armen Menschen, in solchen, die an etwas zu leiden haben. Warum ist das so? Von aussen gesehen stimmt das ja nicht. Wie oft sind die Leute im Gegenteil unangenehm, widerwärtig, vulgär, unfreundlich, böse. Wie soll man ausgerechnet in solchen Menschen Christus begegnen? Dies hängt mit der besonderen Eigenart des Christlichen zusammen. Es führt uns dazu, nicht bei unserem spontanen Empfinden stehen zu bleiben, sondern bei Jesus abzuschauen, wie er es macht. Da sehen wir, dass er durch die Krusten der menschlichen Verderbtheiten hindurch zum inneren Wesen vorstösst, wo die Anlagen zum Guten da gewesen sind. Aber so oft sind sie verkümmert und verdorrt, durch eigene Schuld und durch Schuld anderer. Christus zeigt uns, dass wir diesen innersten Wesenskern nie vergessen sollten. Dort gibt es eine Verwandtschaft zwischen den Menschen und Christus, eine Verwandtschaft, die nie ganz verloren gehen kann, mag sie auch meterhoch unter dem Schutt von Selbstsucht und Laster begraben sein. Daran zeigt sich, dass wir Menschen auf zwei Weisen kennen lernen. Zuerst sehen wir sie von aussen und nehmen ihre positiven und negativen Eigenschaften wahr. Das Leben hat sie abgeschliffen und oft genug zerbeult. Das fortschreitende Alter hat ihnen die Geschmeidigkeit nach und nach genommen. Dafür sind sie spröde und unbeweglich geworden, und das Bittere und Hoffnungslose ist nie weit weg von ihnen. Aber damit haben wir sie noch nicht bis zuinnerst kennen gelernt. Wir können sie wie Christus anschauen. Dann geht uns auf, was diese Personen hätten sein können, wenn sie selbst und die Lebensumstände es anders gewollt hätten. Etwas Kostbares ist in ihnen geblieben. Eine persische Legende fasst es ins Bild. Am Rande eines vielbegangenen Weges lag ein ekliges Hundegerippe. Die Reisenden schauten alle weg. Aber als Jesus mit seinen Jüngern vorbeikam, sagte er zu ihnen: Seht ihr, welch schöne Zähne dieser Hund hatte? Erst mit diesem Blick lernt man Menschen ganz kennen. Christus kennen lernen ist Gott und den Mitmenschen kennen lernen Wer Christus begegnet, sodass er mit ihm zu verkehren beginnt, der findet Gott, weil Christus uns Gott viel besser kennen lehrt als alles andere in dieser Welt. Er ist ja selbst Gott. Wer Christus begegnet, lernt es aber auch, den Mitmenschen neu zu sehen. Bei Christus muss man über das Äussere hinweggehen können und in das verborgenste Innere der Menschen hineinsehen. Für uns ist das ungeheuer schwer. Aber es kommt weniger darauf an, ob es gelingt, als auf die Entschlossenheit, dieses Ziel unermüdlich anzusteuern. Pater Adrian Schenker OP ist emeritierter Professor für Altes Testament an der Universität Freiburg i. Ü. Er beschäftigt sich weiterhin mit Arbeiten über Textkritik und biblische Theologie des Alten Testaments und ist als Seelsorger tätig. Für uns Baldegger Schwestern hält P. Adrian Schenker seit vielen Jahren Exerzitienkurse und Weiterbildungstage.
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=