baldeggerjournal

4 Mit klappernden Absätzen in die Stille Kloster Baldegg Einige Zeit später reiste ich mit dem Zug nach Baldegg. Dort steht kein Kurhaus, dafür ein Kloster. Ein Kloster mit eigener SBB-Haltestelle und Herberge. Ich kenne zwei Haltestellen, die dem lieben Gott ein bisschen näher sind als die übrigen der Bundesbahnen: «Baldegg Kloster» und «Zug Schutzengel». Ich bin bei ersterer ausgestiegen und Sr. Martine Rosenberg erwartete mich schon. Ein schöner Anfang. Es ist Winter als ich im Gästehaus des Klosters Baldegg weile. Dunkelheit umhüllt den Tagesanfang. Die Schwestern treffen sich in der Kapelle zum gemeinsamen Gebet. Die einen huschen hinein. Andere sind eilig unterwegs mit festem Schritt. Es gibt Trippelfüsse und es gibt kurze, lange, leise, laute Schritte. Es gibt hinkende Beine und stützende Arme. Die einen sind früh da, die andern kommen spät, aber alle sind sie pünktlich. Ein leises Muster entsteht und eine feste Ordnung baut sich auf. Und dann «die Störung»! Ich mit meinen klackernden Stiefeln. Ich trage diese Schuhe schon lange, und erst im Kloster höre ich meine Absätze klappern, ja mehr noch, beim genauen Horchen stelle ich fest, dass mein Gang nicht ganz regelmässig ist. Das ist ein beeindruckendes Erlebnis. Ich empfehle für den Aufenthalt im Kloster Schuhe mit Gummisohlen. Das perfekte Schuhwerk um auf leisen Sohlen unterwegs zu sein. Besonders gerne bin ich in der Mutterhauskapelle inmitten einer grossen Schar Baldegger Schwestern. Sie beten viel und tun dies gerne, und ich sitze immer neben Sr. Martine. Sie hilft mir im Gebetbuch die richtigen Stellen zu finden, denn das ist für eine Anfängerin nicht einfach! Der Gesang der Schwestern klingt am Morgen anders als am Abend, das bemerke ich bald. Der Klang der Frauenstimmen berührt mich sehr. Am zweiten Tag wird mir frühmorgens schwindlig. Habe ich vergessen zu atmen, weil es so schön klingt oder ist mein Blutdruck einfach zu tief, weil mir die gewohnte Menge Coffein fehlt? Der Gesang rückt plötzlich in weite Ferne. Gerade rechtzeitig setze ich mich hin. Nach einigen Tagen ohne Telefon, E-Mail und alltäglicher Hektik ist die Reizüberflutung in meinem Hirn wie weggeblasen. Die klare Struktur des Klosteralltags lässt die Gedanken wieder frei und die Sinne wach werden, und mir fallen plötzlich viele kleine schöne Dinge auf. Da hängen draussen im Obstgarten einzelneÄpfel,die die Schwestern für die Vögel übrig gelassen haben. Da schenkt mir eine ältere mir nicht bekannte Schwester in der Kapelle ein Lächeln. Von diesem Tag an verlasse ich die Kapelle erst wenn sie passiert hat. Wir nicken uns zu, kaum merklich. Wir werden nie miteinander sprechen und trotzdem war es ein ganz schöner Moment der Begegnung. Nach vierzehn Tagen reise ich nach Hause. Glücklich, ausgeruht und gestärkt. Die mir zulächelnde Ordensfrau wird meine Abreise erst am nächsten Tag bemerken, wenn «mein» Platz in der Kapelle leer bleibt. Marianne Erne ist Redaktorin im Bereich Volkskultur beim Schweizer Fernsehen. In der Sendung «himmelreichschweiz – kloster» war sie verantwortlich für Buch und Regie des Films über das Kloster Baldegg. Seither ist sie mit unserer Gemeinschaft befreundet. Marianne Erne, Staufen Fernsehmachen macht manchmal müde. So geschehen im letzten Herbst. Eines Morgens betrat ich den Schneideraum, seufzte und sehnte mich nach einem Kuraufenthalt. Ja. Sie haben richtig gelesen. Eine Kur für Körper und Geist. Daraufhin schüttelte ich energisch meinen Kopf, als liessen sich Gedanken so neu sortieren. Der Morgen verging und der Nachmittag kam. Kurorte lockten und liessen mich reisen. In Gedanken kostete ich von einer Badekur und sah mich im Speisesaal eines Kurhauses in netter Gesellschaft. Doch dabei fehlte mir die grosse Stille.

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