5 Eine konkrete Erfahrung der Vorsehung Gottes in deinem Leben? Nicht nur einmal, sondern immer wieder erfahre ich sie. Früher hätte ich gesagt, es sei Zufall. Gerade in den letzten Jahren kam immer zur rechten Zeit ein Mensch, ein Hinweis, ein Gebet, wenn ich dachte, der Weg ist gar nicht mehr klar. Gibt es auch Zweifel? Zweifel gehören zu meinem Leben. Im Zweifel trotzdem zu glauben und zu vertrauen, fällt mir nicht immer leicht. Aber es heisst für mich: ich bin gefordert, weiter auf dem Weg zu bleiben. Wie betest du? Beten ist für mich mit Gott reden. Vor Gott muss und kann ich mich nicht verstellen. Ich bete auch gerne schreibend, d.h. was ich auf dem Herzen habe, schreibe ich nieder als Gebet, sei es Lob, Bitte, Dank, Fragen. Oder ich bin einfach da. Warum bist du ins Kloster Baldegg eingetreten? Ich wollte mein Leben und den Glauben an Gott mit andern Schwestern vertiefen und erfahren. Wo bist du daheim? Ich war bisher auf Aussenposten als Pflegerin tätig. Vor kurzem bin ich nach Baldegg zurückgekehrt. Seither ist mir noch stärker bewusst geworden: hier bin ich daheim. Ich fühlte mich keinen Tag fremd, sondern angenommen und ernst genommen. Ein Erlebnis aus der Kinder- oder Jugendzeit, das dich prägte? Öfters weilte ich bei meiner Grossmutter in den Ferien. In ihrem Schlafzimmer hing ein riesiges Bild vom Herzen Jesu. Wenn ich im Bett lag, schaute ich diesen Jesus an, bis ich einschlief. Voll Unruhe und Ehrfurcht dachte ich: Er kennt mich, er weiss alles von mir. Mit meiner Grossmutter habe ich auch über dieses Bild gesprochen, und sie sagte mir, dass Jesus aus Liebe alles für mich tut, und dass ich in meinem Leben auch aufgefordert bin, Gutes zu tun, und dass Jesus mir dabei hilft. Bis heute liebe ich dieses Bild. Wer ist dir Vorbild? Meine Mutter ist mir ein lebendiges Vorbild für einen unerschütterlichen Glauben an Gottes Güte, Liebe und Vorsehung. Trotz vielen Schicksalsschlägen hatte sie immer die Kraft, den Weg weiter zu gehen. Dankbarkeit ist ihr Lebenswort. Welche Farbe hat dein Glaube? Ich sehe den Regenbogen mit seinen verschiedenen Farben, die ja nur dank der Sonne und dem Regen entstehen. So ist auch mein Glaube; farbig, bunt, manchmal leuchtend, dann wieder eher weniger leuchtend. Was bedeutet glauben? Unter anderem, dass ich vertraue: Gott hat in jeden Menschen Gutes hineingelegt. Und dass ich das Geheimnis Gottes einmal sehen darf. Wer ist Gott für dich? Er ist ein geduldiger Zuhörer, liebend und allwissend. Er ist der, der mich durch und durch kennt. Er wollte mich so wie ich bin. Er ist auch ein grosses Geheimnis für mich; faszinierend. Wie zeigt sich der Einfluss von Franziskus in deinem Leben? Die Radikalität von Franziskus, aber auch seine Tränen und seine Fröhlichkeit beeindrucken mich, und ich versuche in alltäglichen Situationen mir vorzustellen, wie er jetzt handeln würde. Ein Wort, das dich durch das Leben begleitet? «Vertrau auf Gott! Ich darf ihn preisen. Er bleibt mein Heiland und mein Gott.» Dieses Gebet war bei meiner Ewigen Profess Leitsatz der vorangegangenen Exerzitien. Es hat mich ruhig gemacht. Zwei Dinge, die du der Leserschaft des BaldeggerJournals sagen möchtest? Nie die Hoffnung an das Gute im Menschen verlieren. Alles, was geschieht, hat einen Sinn, wenn wir ihn auch erst viel später entdecken. Glauben & Beten Schwester Rita-Maria Wetzel, 1962, aufgewachsen in Herisau, Pflegeausbildung, 1986 Eintritt ins Kloster Baldegg, berufliche Einsätze: Pflegeheim Waldruh in Willisau, Kurhaus Oberwaid in St. Gallen, heute arbeitet sie im Pflegeheim Sonnhalde in Baldegg. Glauben & Beten
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